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#62

JUDITH LEYSTER (1609 – 1660) // „Selbstporträt“ (um 1630 oder 1633)

Öl auf Leinwand (74,6 x 65,1 cm) // National Gallery of Art, Washington

Judith Leyster wurde als achtes Kind von Jan Willemsz Leyster im niederländischen Haarlem geboren. Ihr Vater war ein Bierbrauer und Tuchmacher. 1625 muss er Bankrott anmelden. Einige Biographen sehen die Verarmung der Familie paradoxerweise als große Chance für eine Berufsausbildung aller Kinder, denn für Töchter aus gut situierten Familien waren sonst nur Heiraten vorgesehen.

Bis um 1890 wurde das gesamte Werk Judith Leysters entweder Frans Hals oder ihrem Ehemann Jan Miense Molenaer zugeschrieben. Zu diesen Verwechslungen dürfte es gekommen sein, weil Judith Leyster 1636, nach ihrer Eheschließung, aufhörte unter ihrem eigenen Namen zu arbeiten. Auch wurden nach Leysters Tod ihre Werke als „Ehefrau von Molenaer“ inventarisiert. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden ihr vom Kunsthistoriker Hofstede deGroot wieder sieben Bilder zugeschrieben.

Unklar sind ihre „malerischen“ Anfänge. Doch schon 1627 wird Leyster in einer Beschreibung der Stadt Haarlem als Malerin erwähnt. Wahrscheinlich erhielt Leyster ihre künstlerische Ausbildung bei dem Maler und Radierer Pieter Fransz deGrebber. Dieser war bekannt für Historien- und Porträtbilder. Wie ihr Lehrer orientierte auch sie sich mit ihren Arbeiten am berühmten Porträtisten ihrer Heimatstadt Haarlem Frans Hals.

1629 beginnt Judith Leyster ihre Bilder zu datieren und zu signieren: 1633 wird sie wahrscheinlich als die zweite Frau (nach Sara van Baalbergen) in die Malergilde St. Lukas aufgenommen. Als ihr Aufnahmestück in die Gilde gilt ein wunderbares „Selbstporträt“: Es zählt zu den populärsten und bemerkenswertesten Künstlerselbstbildnissen des 17. Jahrhunderts. Es dokumentiert beredt das Selbstbewusstsein und die Fähigkeiten der jungen Malerin. Interessanterweise zeigt die Röntgenuntersuchung des Gemäldes, dass sie ursprünglich an einem Frauenkopf arbeitete. Leyster hat ihn mit einem stehenden Geiger übermalt und so eine Korrespondenz zwischen ihrem aufgestützten Pinselarm und dem Geigenbogen hergestellt.

Leyster stellt sich in einem eleganten Kleid mit Spitzenkragen an der Staffelei sitzend dar. Sie unterbricht ihre Arbeit an einem Geigenspieler kurz, um sich dem Publikum zuzudrehen. Die Künstlerin setzt ihre eigene Hand mit Pinsel nahezu parallel zum Geigenbogen und der musizierenden Hand, womit Ton- und Bildkunst – die eine ephemer und die andere mit Ewigkeitsanspruch – einander gegenübergestellt werden. Palette, Maltuch und nicht weniger als 18 Pinsel sind Judith Leysters Werkzeuge der Kunstproduktion, wie sie genau festhält. Immerhin hatte sie eine eigene Werkstatt und mindestens drei Schüler.

Dass die Malerin so elegant gekleidet in ihrem Atelier arbeitete, ist unwahrscheinlich. Die Momenthaftigkeit der Szene ist ein Qualitätsmerkmal dieses Werks, der energische Pinselstrich erinnert an Porträts von Frans Hals (1582/83–1666).

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