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#63

JUDITH LEYSTER (1609 – 1660) //  „Der Vorschlag“ (1631)

Öl auf Leinwand (30,9 x 24,2 cm) // Mauritiushuis, Den Haag

Judith Leysters Werk umfasst Porträts, Stillleben, Allegorien, botanische Zeichnungen und mindestens eine Radierung. Am markantesten sind jedoch ihre Genrebilder, in denen sie in kleinen, intimen, kerzenbeleuchteten Szenen Themen des täglichen Lebens darstellte. In ihren Bildern sind meist ein oder zwei Personen zu sehen, wobei Kinder zu ihren bevorzugten Modellen gehörten. Ihre Motive sind Jungen, die Flöte, Laute oder Violine spielen, Mütter, die nähen oder ihren Kindern die Haare kämmen, Männer, die Frauen verführen, Falschspieler oder Backgammonspieler sowie Feiernde in Gasthäusern.

Zu den meistdiskutierten Genrebildern Judith Leysters zählt „Der Vorschlag“ (1631, Den Haag). Die Szene zeigt eine stickende oder nähende Frau in einem schlichten Innenraum tief über ihre Arbeit gebeugt. Von links hinten nähert sich im Kerzenlicht ein dunkel gekleideter Herr, der mit seiner Linken die Frau an ihrem Oberarm berührt. Mit seiner rechten Hand bietet er ihr Münzen an. In der Bildkomposition nimmt er die diagonale Gegenposition der Frau ein, da er sich nach links vorne beugt. Auf dem ersten Blick strahlt das Gemälde zärtliche Intimität und Häuslichkeit aus, aber bei genauerer Betrachtung ist es eine Szene, gefüllt mit Verführung und Widerstand. Zweifelsohne ist hier ein sexuell konnotiertes Angebot wiedergegeben, da der Mann nicht für ihre handwerklichen Dienste bezahlt. Doch das ungestörte Nähen der Frau strahlt eine selbstbewusste Bestimmtheit aus. Sie scheint nicht auf das Angebot zu reagieren.

Verglichen mit ihren Künstlerkollegen, welche Angebotsdarstellungen meist mit aktiven und freizügigen Dirnen in Verbindung gebracht haben, unterstreicht Leyster keine stereotype Darstellung eines leichten Mädchens. So kann die Darstellung auch als kritische Antwort auf die Darstellung ihrer Künstlerkollegen verstanden werden.

Die feministische Lesart des Bildes stellt den weiblichen, emanzipatorischen Blick der Künstlerin auf das dargestellte Geschehnis ins Zentrum der Überlegung, während Gegenstimmen diese Genreszene in die moralisierende Tradition dieser Kunstgattung einordnen.

Obwohl Leyster und ihre Arbeit zu Lebzeiten bekannt waren und von ihren Zeitgenossen geschätzt wurden, wurden sie nach ihrem Tod weitgehend vergessen. Die Künstlerin wurde 1893 „wiederentdeckt“, als ein Gemälde, das seit über einem Jahrhundert als Werk von Frans Hals bewundert wurde, ihr zugeschrieben werden musste. (Die Initialen „J. L.“ konnten nicht mehr übersehen werden.) Bis dahin wurde Leysters Werk als „Schwäche der weiblichen Hand“ kritisiert, während viele ihrer Bilder Frans Hals zugeschrieben wurden.

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