porajmos 2012

Ein Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Roma und Sinti

Gestaltung: Walter Kratner

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Roma-Mahnmal als Zeichen gegen das Vergessen

Das Mahnmal qualifiziert die nationalsozialistischen Verbrechen als Völkermord an Sinti und Roma, der aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen der planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden ist – wie an den Juden.

Das Mahnmal am Weizberg (bei Graz) ist eine Geste an die Opfergeneration. Die Gestaltung stammt von Walter Kratner und zeigt die zerbrochene Radachse eines Güterwaggons als Sinnbild für Deportation und Genozid.

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Die Erinnerungsthematik wird ergänzt durch die Schrifttafel „Porajmos“. Der Begriff bedeutet in der Sprache der Sinti und Roma „das Verschlingen“ und bezeichnet den nationalsozialistischen Völkermord an den – als „Zigeuner“ – verfolgten europäischen Roma. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Nach unterschiedlichen Schätzungen ist sie bei einer großen Spannbreite jedoch sechsstellig.

In der kleinen Stadt Weiz, in Österreich, wurde still und unaufgeregt etwas geschaffen, was in seiner Klarheit, Berechtigung und gedanklichen Konsequenzen weder langjähriger Diskurse noch irgendwelcher Kompromisse bedurfte. Verantwortlich für das Zustandekommen auf politischer Ebene zeichneten der sozialdemokratische Bürgermeister Helmut Kienreich und auf kirchlicher Seite Mag. Pfarrer Franz Lebenbauer.

Die Errichtung des Mahnmals entstand auf Anstoß der Roma-Künstlerin >> Ceija Stojka. 1933 in einem Dorfgasthaus in Kraubath (Steiermark) geboren, wurde sie 1943 in die Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen deportiert. Ceija Stojka überlebte die Todeslager. Mit ihrem Buch „Wir leben im Verborgenen“ hatte sie 1988 maßgeblich Anteil, dass das Genozid an Roma und Sinti endlich öffentlich gemacht wurde.

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Walter Kratner, Arbeitszeichnung (2004)

Der Entwurf des Künstlers nahm den ureigenen Auftrag jeden Denkmals, nämlich zu erinnern, sehr ernst. Es setzt ein deutlich wahrnehmbares Zeichen. Vielleicht ist ein solches Mahnmal auch ein Anlass, der viele Passanten zum Nachdenken bringen wird. Die Symbolik ist vertraut – und unbequem zugleich.

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Walter Kratner, Bundesbahn-Depot für Radachsen (Foto 2004)

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Historischer Hintergrund | DEPORTATIONEN1

Ab November 1941

Nach Hitlers Vorstellung sollte das Altreich und das Protektorat vom Westen nach Osten von Juden „geleert“ und „befreit“ werden. Diese „Aussiedlungspolitik“ wurde mit der Vorstellung eines „zigeunerfreien“ Deutschland verknüpft. Für den Winter 1941 sollten 20 000 Juden und 5000 Zigeuner in das Ghetto von Lodz deportiert werden.

Zwischen dem 5. und 9. November 1941 kamen aus den „Reichsgauen“ Niederdonau und Steiermark fünf Transporte aus Hartberg, Fürstenfeld, Mattersburg, Rothen Thurm und Oberwart mit 5007 Personen (1188 Frauen, 1130 Männern und 2689 Kindern)  in das „Zigeunerlager“ von Lodz.

Ab Dezember 1942  (Auschwitz-Erlass)

Am 16. Dezember 1942 befahl Himmler, „alle Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft“ in einer Aktion von wenigen Wochen in Konzentrationslager einzuweisen. Die Verbringung nach Auschwitz war ein unausgesprochenes Todesurteil. Das „Zigeunerlager“ existierte 17 Monate lang.

Ab August 1944

Am 2. August 1944 wurde das „Zigeunerlager“ endgültig liquidiert und die restlichen 2897 Roma und Sinti des Lagers in den Gaskammern ermordet. In den 17 Monaten seiner Existenz wurden ca. 19 000 der etwa 22 000 dort Zusammengepferchten umgebracht, davon 5632 im Gas erstickt. Von den geschätzten 11 000 österreichischen Zigeunern, die 1938 in Österreich lebten, haben nach neuesten Forschungen nur ca. 1500 bis 2000 überlebt, mindestens 9500 wurden ermordet.

1vgl. dazu Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommision, Band 23/2, 2004

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>> Ceija Stoijka (1933 – 2013)

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Technische Daten:

Bodenplatte: Oberfläche spritzlackiert, orange | Anmerkung: Farbe „orange“: Glühen des Feuers im Krematorium; | Abmessungen und Farbe korrespondieren mit der Gedenktafel;

Radachse: gebrochen /ohne Oberflächenbearbeitung | Anmerkung: Rad: Deportation / Fahrendes Volk / Lebensbruch;

Die gebrochene Radachse als „historisches Zitat” trägt alle Spuren der Zeit (Abnützumg, Rost, etc.)  Je länger das Mahnmal der Witterung ausgesetzt ist, umso weiter entrückt auch die „konkrete“ Erinnerung an das Genozid.

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Transport und Aufbau mit Unterstützung der Firma Wiedenhofer, Weiz

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FOLGENDE MEDiEN BERICHTETEN AUSFÜHRLICH

MEDIEN: >> ORF Steiermark | >> ORF Steiermark, Volksgruppen| >> pfingstART („Von der Klachlsuppe zum Hochaltar“) | >> pfingstART („Porajmos“ / Langfassung) | >> pfinstART („Porajmos“ / Kurzfassung) | >> Roma Service

PRESSEBERICHTE: >> Kleine Zeitung | >> Kronenzeitung (Michaela Reichart) | >> Kleine Zeitung 2 | >> Sonntagsblatt | >> Walter Kratner („Porajmos“) | >> Stadtzeitung „Präsent“ | >> Arbeitsheft „Porajmos“

WIKIPEDIA: Mahnmal „Porajmos“ (von Walter Kratner) | >> Walter Kratner

WEBSITE: >> Walter Kratner, Porajmos

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