roswitha weingrill

Wandzeichnungen zum Themenabend „Krankheit“
pfingstART 2012 // Kulturkeller am Weizberg

(…) Zum Thema „Krankheit“ reflektiert die Künstlerin Roswitha Weingrill über das Schlachtfeld „Gesundheit“.  Über den Krieg gegen vermeintliche Defizite: Nahrungs-Ergänzungs-Zusätze.  Gegen vermeintliche Extragewichte: Diäten, die die Entstehung von Essstörungen sogar begünstigen.

Zu sehen ist ein Frontbericht vom Krieg gegen unsere „trotzfrigiden“ Körper, ständige Baustellen, die so gar nicht der vorgegebenen Norm entsprechen wollen.  Permanent: „Under Construction“.

(…) Ihre Ausstellung zeigt minutiöse Wandmalereien, welche die Künstlerin unter das fast olympische Motto „schöner, schneller, besser“ stellt. Es suggeriert ein geplantes Paradies aus Aminosäure und Wachstumshormonen.

Wandbilder, fiktive Territorien könnte man meinen, die sich aus den Produktinfos der pharmazeutischen Industrie zusammensetzen. Eine Topographie post-prä-medizinischer Ratschläge. (Glyzerin, Vitamin E, …)

Roswitha Weingrill kombiniert, schreibt die Bausteine der Wellness-Industrie zu dysfunktionalen Formeln um. Mit Wasserfarben und von großem ästhetischen Reiz auf die Wand gezaubert. (Aber: Ephemer und abwaschbar!)

Derart entsteht eine Bildsprache, deren verrätselter Fundus aus den martialischen Werbefeldzügen der Pharmaindustrie und der Nahrungsmittelkonzerne stammt.

Dieses klinische Nichts strukturiert die Künstlerin in den Nischen des Tonnengewölbes akribisch nach Marketing- und Verkaufsschwerpunkten: Augen, Ohren, Nasen, Brüste, Penisse, Waden, Höhepunkte, Tiefpunkte – das die Branche Milliardenzuwächse jährlich verbuchen lässt.

Man denke sich eine kranke Gesellschaft, die daran gesunden muss.

Das Streben nach Vervollkommnung ist ein sehr altes Thema in den christlich geprägten Gesellschaften. Die Ausstellung zeigt, dass es sich im Verlauf der Säkularisierungsprozesse auf die materielle Ebene verlagert hat und statt des Himmels auf Erden nun irdische Perfektion verlangt: Gefordert auch Perfektion im Sterben.

– Ende des hässlichen, körperlichen, geistigen Verfalls! – (Anti- Aging/Altershemmung) – Vitales! Sterben ist angesagt! – womöglich in exklusiven Fitnessräumen!

Also faltet Roswitha Weingrill weiter.

Tarnt die „medikamentösen“ Beipackzettel als harmlose Papierflugzeuge. Und über die Konturen ihrer eigenen Schatten fliegen sie als letzte, endgültige und totale Versprechung verheißungsvoll über ein beglücktes Land voller Zufriedenheit!

Wüsste man nicht, wovon die Kunst Roswitha Weingrills handelt, könnte man sagen: „Ja, es gibt sie noch – die schönen Dinge!“

(Text: Walter Kratner, Kurator)

Roswitha Weingrill, pfingstART 2012

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