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#88

JACOBO PONTORMO (1494 – 1557) // Zeichnung

Studie zur Pomona (Göttin der Baumfrüchte) für Medici-Villa di Poggia a Caino (bei Florenz), um 1520

Oberer Teil: 17×23,3cm / Unterer Teil: 21,4×22,7cm (Gallerie degli Uffizi)

Schwarzer Stift und Bleiweiß. Das in bläulichen Nuancen übermalte Blatt ist in zwei Hälften zerschnitten. Wahrscheinlich hat Pontormo das Blatt selber auseinandergeschnitten. Der Zeichnung – spitzige und abgebrochene Striche – wird durch eine leichte Aquarellierung ein wenig von ihrer Härte genommen.

Schon in jungen Jahren war Pontormo als Auftragsmaler der Medici erfolgreich. Von 1518 bis 1521 schuf er die wunderbaren Fresken „Vertumnus und Pomona“ (Vertumnus = Gott der Jahreszeiten / Pomona = römische Göttin der Baumfrüchte) in der Medici Villa di Poggio a Caino.

Die Arbeit führte Pontormo dem Ziel näher, künstlerische Antworten auf den Zeitenwandel zu finden. Denn tief verunsichert waren die Menschen in jener Endphase der Renaissance, in der sich in Florenz Vertreibung der Medici und Wiedereinsetzung abwechselten. Giorgio Vasari, Chronist jener Dekaden, bezeichnete den von 1520 evident werdenden Stilwandel dieser Zwischenzeit neutral als „maniera moderna“.

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#87

JACOBO PONTORMO (1494 – 1557) // Zeichnung

Figurenstudie zu den Loggia-Fresken für die Villen Careggi und Castello, um 1535-1543

Rötel, 21,2 x 28,9 cm (Gallerie degli Uffizi).

Bei „Nudo visto da dietro“ handelt es sich um einen liegenden Akt, weiblich oder hermaphroditisch, in raffinierten, überraschenden Verbindungen und Verknotungen, von dem eine höchst sensible Sinnlichkeit ausgeht.

Vermutlich eine Vorzeichnung für die Fresken in den Loggien der Villen von Careggi und Castello, die Cosimo de`Medici 1537 bei Pontormo bestellte.

Nicht die Malerei, nicht die Bildhauerei sei die edelste Gattung der Kunst, vielmehr „il disegno“, als deren gemeinsames Fundament, im technischen wie ideellen Sinn, das ist Pontormos Meinung in der berühmten Umfrage Varchis von 1546. Pontormo ist ein Zeichner, der fragend zeichnet. „Perfektion ist für ihn weder gesichert, noch durch Regeln realisierbar zu denken. Pontormo hat den Zeichnungen zugetraut und zugemutet, was sonstwie nicht zu erlangen war.“ (Zit.: Emil Maurer, NZZ, November 1996)

Die Fresken in den Loggien der Villa von Careggi und Villa von Castello sind nicht erhalten geblieben. Erhalten haben sich nur eine Reihe von Zeichnungen und verzerrten Anatomien, die eindeutig von Michelangelos Allegorien der Medicigräber inspiriert sind.

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#86

JACOBO PONTORMO (1494 – 1557) // Zeichnung

Aktstudie für Freskos in der Medici Villa in Poggio a Caino, Florenz, um 1520

Rötel, 34,2 x36,5 cm (Gallerie degli Uffizi).

Auf dem Mäuerchen liegende Figur mit aufgestütztem Arm und einen Stab in der rechten Hand. Es ist die erste – männliche – Version  einer Gestalt, die am Ende Frauenkleider bekommen wird, ganz im Sinne von Pontormos unablässigem, androgynen Traum.

Die schreckhaft aufgerissen Augen des Knaben scheinen unvereinbar mit der bequemen Haltung. Die unmerkliche Tendenz zur Deformation, die Längungen, Muskelspiele und die seltsamen Schraffuren, die auf die Mauer übergreifen verweisen auf die Abkehr Pontormos von seinen Renaissance-Meistern Andrea del Sarto oder Leonardo.

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#85

WALTER KRATNER  // „DÄMMERUNG“ (1996)

Rauminstallation im Kreuzgang für Kulturzentrum bei den Minoriten

Kurator: Josef Fink (1941-1999)

„Die vorgedachte, konzeptionsbezogene Schlichtheit dieser Werkarbeit ist eine sprachlose Beschreibung der Grundkräfte des Wirklichen: Aggressionen, Verletzungen, Zerstörungen. Rohe Gerätschaften (Stangen, Steine, Säcke), die eher zur atavistischen Natur des Menschen gehören als zur Kunst, zeugen – in einer Rückerinnerung – vom Voranschreiten beängstigender Zustände.“ (Pressetext, Kulturzentrum b.d. Minoriten, 1996)

„(…) The choice of material derives from the iconography of poverty which characterizes the Franciscan order: wood pressed between two columns, a poor material with nails. The wood also acts as a division between the inside and outside – a wooden barrier referring to the psychological state of those inside. The architectural function of the cloister columns, meant to alternate dark and light as a form of meditation, is heightened with the resulting dimunition of light.“

Walter Titz, Kleine Zeitung, Graz  (engl. Version: Galerie „refusalon, San Francisco)

Video: Masoud Razavy Pour

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#84

JACOBO PONTORMO (1494 – 1557) // Zeichnung

Detailstudie zur Überführung Christi, Capponi Kapelle in Santa Felicita, Florenz um 1526

Schwarzer Stift auf Bleiweiß, 39 x 21,5 cm

Jacobo Carrucci, genannt Pontormo, wird 1494 in in Pontorme bei Empoli geboren. Er war wohl die stärkste und genialste Persönlichkeit des Florentiner Manierismus. Sein Werk bildet die Nahtstelle zwischen Hochrenaissance und Frühbarock, den beiden großen Stilrichtungen des 16. Jahrhunderts. Es spiegelt nicht nur das neue Selbstverständnis des Künstlers seit Michelangelo wider, sondern auch die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten in einer von Glaubenskrisen, Pest und Existenzängsten geschüttelten Zeit.

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#83

WALTER KRATNER // „3 ROSES“  (2021)

Kulturstock 3, Pischelsdorf, Österreich

Für: „Das Wesen in der Kunst“

Auf einer rollenden Plattform stellt sich ein bizarrer Installationskosmos dar: Drei verwelkte Rosen werden in einer Vase von vier Ventilatoren angeblasen und torkeln mit Unterbrechungen im Kreis. Das Wesen der Schnittpflanze scheint auf dem grünen Balkonteppich vornehmlich von einem tristen „Slapstick des Scheiterns“, – von einem skurrilen „Todestanz“ geprägt zu sein, als von einem lyrischen Ansinnen zu sprechen. Der Künstler zielt mit seiner Auseinandersetzung auf all jene Banalitäten und Alltäglichkeiten, die das Leben eher widerspiegeln, als auf „ästhetische“ Preziosen.

Die Installation „Three Roses“ ist ein künstlerischer Rückgriff auf die Zimmergärtnerei, wie sie durch die Einführung der Blumentöpfe im 17. Jh. möglich geworden war. Über die visuelle Umsetzung hinausgehend, ruft die Installation natürlich weitere kunsthistorische Aspekte in Erinnerung: In den hochmittelalterlichen Gärten versinnbildlichen Pflanzen das Paradies. In den Renaissance- und Barockgärten kam ihnen politische Bedeutung zu. Eine Zuschreibung, die bis zur Französischen Revolution zu beobachten ist. Im Englischen Garten wurden sie seit dem 18. Jahrhundert  dazu eingesetzt, den Eindruck „freier“ Natur zu erzeugen.

Auch wenn Umberto Eco in der Nachschrift zu seinem berühmten Roman „Der Name der Rose“ anmerkt, die Rose bedeute so viel, dass sie fast gar nichts mehr bedeutet, gelten Pflanzen, besonders Rosen, als natürliche Gegenwelt zur städtischen Landschaft aus Stein, Beton, Glas, Asphalt.

Die Inszenierung „Three Roses“ spielt mit dieser tradierten Gegenwelt. Längst sind nämlich Naturerlebnisse als Gleichnisse, Metaphern oder Allegorien in der Postmoderne zum kleinbürgerlichen Zeitgeist, zu Dekorationsstoffen oder Accessoires verkommen.

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#82

WALTER KRATNER // „Dante.Comedia.Inferno“

Herz Jesu Kirche, Graz (2021)

 „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate.”

„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“

(Aus: Dante, Die Göttliche Komödie, Inferno III, das Höllentor)

Im Seitenaltar der Herz-Jesu-Kirche in Graz beschreibt das Objekt „Dante.Comedia.Inferno“ das Ende jeder Hoffnung. Die Skulptur adaptiert den Beginn der Wanderung Dantes durch die Hölle: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“

Die Installation bezieht sich auf Primo Levi und auf Dante Alighieris Beschreibung der Hölle in dessen „Divina Commedia“. Die Schilderung der Wanderungen Dantes mit Virgil durch das „Inferno“ wurde oftmals von Autoren der Holocaust-Literatur aufgegriffen. Ebenfalls brachten überlebende Insassen der Konzentrationslager ihre schreckliche Erfahrung  mit der von Dante beschriebenen Hölle in Beziehung. Unter einem Greifvogel im Sakralraum, unterstreicht ein Atlas der Nationalstaaten aus dem Jahre 1939  diesen literarischen und politischen Bezug.

In Goyas Bildtradition der „caprichos“ stehend, hockt eine Eule auf einem grauen Holzgerüst. Sie gilt weitläufig als Symbol für Weisheit. Aber Eulen können in der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts auch als Boten der Dummheit, Ignoranz und Finsternis aufgefasst werden.

Unter dem naturgroßen Greifvogel bettet sich ein „großdeutscher“ Atlas aus dem Jahre 1939 auf schwarzem Filz. Glasscherben markieren eine aufgeschlagene Landkarte .

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SIEHE AUCH: >> Walter Kratner, “Woyzeck. Der Richterspruch“ (2021)

SIEHE AUCH: >> Walter Kratner, „Die Ankunft“ (2018)

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#80

pfingstART 21 // “13 ARTISTS – 13 SHORT VIDEOS”

JAVID RAMEZANI // Ein kurzer Film aus der Pandemie des Alltags / A short film from the everyday pandemic

DEUTSCH “Orbuculum – Das schwarze Ding aus Hartplastik.” Einst war es die magische Sphäre der Druiden. Heute ist das „Orbuculum“ eine Sphäre aus schwarzem Plastik, die Autotüren automatisch zu öffnen scheint. Für die christliche Kirche im Mittelalter noch ein rätselhaftes Symbol der Häretiker, ist es für den Teheraner Künstler Javid Ramezani ein gestylter Zauber-Schlüssel zur Flucht aus der Pandemie des Alltags.

ENGLISH “Orbuculum – That thing of compressed and compact and black.” It was once the magical sphere of the druids. Today the „orbuculum“ is a sphere made of black plastic that appears to open car doors automaticly. For the Christian church in the Middle Ages still a puzzling symbol of the heretics, for the Tehran artist Javid Ramezani it is a stylish magic key to escape from the pandemic of everyday life.

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#79

pfingstART 21 // „13 ARTISTS – 13 SHORT VIDEOS“

WALTER KRATNER // „Woyzeck. Der Richterspruch“ / „Woyzeck. The verdict“

DEUTSCH „Mögen alle mit dem festen Entschlusse von dieser schauerlichen Handlung zurückkehren: Besser zu seyn, damit es besser werde.“ (Flugblätter an die Bevölkerung, Leipzig, August 1824)

Johann Christian Woyzeck  war ein deutscher Soldat, der wegen Mordes an der Chirurgenwitwe Johanna Christiane Woost im Februar 1822 öffentlich hingerichtet wurde. Seine Geschichte diente Georg Büchner als Vorlage für sein Dramenfragment „Woyzeck“. Es erschien nach dem Tod des Dramatikers in einer überarbeiteten Fassung 1879. Diese Epoche spiegelt das politische und sozialkritische Aufbegehren, ohne idealistische Verklärung, gegen die staatliche Obrigkeit wider.

ENGLISH „May all return from this gruesome act with a firm resolve: to be better, so that it may be better.“ (Handouts  to the population, Leipzig, August 1824)

Johann Christian Woyzeck was a German soldier who was publicly executed for the murder of the surgeon`s widow Johanna Christiane Woost in February 1822. Georg Büchner used the story as a template for his drama-fragment „Woyzeck“. It was published in a revised version after the playwrighters death in 1879. This epoch reflects the political and socially critical rebellion against the state authorities without idealistic glorification.

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>> WALTER KRATNER | „NACH DER JAGD“

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#76

pfingstART 21_ONLINE // “13 ARTISTS – 13 SHORT VIDEOS“

GREGORY EDWARDS

DEUTSCH: Afroamerikanische Kunst und expressive Malerei

Der kalifornische Maler Gregory Edwards ist seit langem als Kunst-Aktivist bekannt, der sozialpolitische Fragen, sowohl in der Kunst, als auch im gesellschaftlichen Kontext aufgreift. Edwards begann seine Vorstellungen im Bereich der Kunst und des politischen Engagements in Basis-Organisationen während der Zeit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen zu verwirklichen.

In seinen Bildern und Zeichnungen kombiniert er traditionelle glyphische Ikonographie aus verschiedenen Kulturen mit Werkzeugen und persönlichen Gegenständen lebender Verwandter und Freunde. Dabei bezieht er auch Darstellungen von Werkzeugen ein, die von den Sklavenvorfahren seiner Familie verwendet wurden. Heute  beschreibt  er seine gestischen, abstrakten Gemälde, als „Stroke-Ism“. („Schlag-Bilder“)

ENGLISH: African-American arts and expressive paintings

The Bay Area artist Gregory Edwards has long been known as an arts activist, particularly adept evaluating, strategizing and brainstorming cultural and social policy issues, both in the arts and in the larger community. Edwards got his start in the activism area with community-based organizations in the civil rights era.

The drawings combine traditional glyphic iconography from different cultures with tools and personal effects of living relatives, friends and even those surviving tools used by his family’s slave ancestors. He described the gestural, abstract paintings he is now making as „Stroke Ism“.

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