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Kunst

# 100

WALTER KRATNER // „LAMPEDUSA“ (2015/2023)

Holz (grau, lackiert), Bauholz (geölt), luftgetrockneter Kadaver einer Ratte, Glastafeln, Handgriffe, Beschläge, Drehräder, Filzteppich (ca. 700 x 300 cm)

Für: >>Part of the Game 2023 | Kunsthalle Graz | 11. April 2023

Die raumgreifende Objektinstallation „Lampedusa“ von Walter Kratner, die das konstruktive Skelett eines gesunkenen Bootes nachstellt, wird zum Symbol für Scheitern und Verzweiflung. „Flüchtlinge“ nennen wir seit Jahrzehnten diejenigen, die vor den Toren Europas dazu verdammt sind, nicht anzukommen.

Sowohl in der Literatur als auch in der Kunst spiegeln Motive des Schiffbruchs das Scheitern der Hoffnung auf eine menschlichere Zukunft, − auf dem „Floß der Medusa“ des französischen Malers Théodore Géricault überleben nur die Stärksten. Alle anderen werden Opfer von Kannibalismus. Es sind Menetekel der Moderne. Im „Eismeer“ von Caspar David Friedrich wird ein Schiffswrack zum Symbol für die Kälte und Isolation, in die sich die Menschheit hinein manövriert hat. Das Bild trägt den Untertitel „Die gescheiterte Hoffnung“ − kein Land in Sicht. Nur das Nichts. Der Mensch, allein gelassen von Gott und ohne Aussicht auf Erlösung: Die alten Legenden symbolisieren das Schicksal des modernen Menschen.

In seiner Objektinstallation „Lampedusa“ hebt der Künstler den luftgetrockneten Tierkadaver einer Ratte als Installations-Fragment gesondert hervor. Das bleiche tote Tier liegt in einer Aussparung aus geordneten Lamellen, wie eingebettet, in einem gläsernen Sarg. Sinnbild für Tausende Ertrunkene. 

„Zugleich liegt die Ratte unter der Glasabdeckung wie ein Museumsobjekt, Distanz entsteht, das Ekelgefühl wird abgemildert und aufgefangen. Es wandelt sich in Ehrfurcht vor dem Tod.“ (Zit.: Susanne Ramm-Weber, Kunsthistorikerin, Offenburg)

ZUR ERÖFFNUNG // 11.04.2023 // Kunsthalle Graz

Masoud Razavy Pour // „Lampedusa“ // Kurzfilm

Der iranische Videokünstler Masoud Razavy Pour dokumentierte 2015 die Objektinstallation „Lampedusa“ von Walter Kratner im Sakralraum der Basilika am Weizberg. Der Videofilm geht freilich über die Dimension eines reinen Dokumentarfilms hinaus. Masoud Razavy Pour verwendet in verschiedenen Sequenzen Filmmaterial, das neu gedreht wurde, um die entsetzliche Situation der Flüchtlinge in künstlerischer Form beschreiben zu können. Eigens für „Lampedusa“ geschriebene Texte von Kuratoren, Künstlern und Kunsthistorikern aus Italien, der USA, Deutschland, aus dem Iran und Österreich collagierte Razavy Pour zu einem eindringlichen, visuellen Opus.

>> ALLE TEXTE: Susanne Ramm-Weber (Offenburg), Javid Ramezani (Teheran), Stefania Severi (Rom), Walter Kratner (Graz), Masoud Razavy Pour (Graz), Shmulik Krampf (San Francisco), Barbara Jenner (Berlin), Fery Berger (Weiz), Gregory Edwards (San Francisco).

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BEITRÄGE ZUM THEMA:

>> LYDIA MISCHKULNIG_90 Sekunden_LITERATUR

>> WALTER KRATNER | „Tod im Wasser“ | Graz | BLOG #97

>> WALTER KRATNER | „Lampedusa 2/Fragment“ | BLOG #43

Die Verwendung der Ekelmetapher „Ratte“ im Zusammenhang mit der Flüchtlingsproblematik in einer österreichischen Regionalzeitung („Süd-Ost Journal“ vom 27.12.2018), bewog den Künstler zu dieser Ausstellungspräsentation von „Lampedusa“ in fragmentarischer Form.

>> KUNSTHALLE GRAZ | „Part of the game 2023“

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Kunst

# 99

“GROWTH“ (2023)

Eine Ausstellung mit Marjan Habibian, Marlene Gollner, Elisabeth Gschiel, Walter Kratner

ZU SEHEN AB 14. FEBRUAR 2023 IN DER „STAL GALLERY“, MOSCAT, OMAN

DEUTSCH: Vier in Österreich lebende Künstler_innen, zeigen ihre Arbeiten unter dem Titel „Growth“ im arabischen Raum. Die Ausstellung zeigt verschiedene künstlerische Herangehensweisen an das Thema, die es dem Betrachter ermöglichen, die Entwicklung bestimmter Formen und Inhalte nachzuvollziehen. Aus den einzelnen Werken und Werkgruppen ist erkennbar, dass die Künstler_innen „Wachstum / Growth“ hier vor allem als einen ästhetischen Transformationsprozess  verstehen. 

Je nach verwendetem Medium setzen sich die Künstler_innen mit den Möglichkeiten unterschiedlicher Kunstformen auseinander. Dazu gehören  Worte, Fotos, Raum, Materialien, Linien, Formen, Farben oder hybride Mischungen daraus.

Zu sehen sind in diesem Kontext von >>Marjan Habibian (Kuratorin) fast klassische Zeichnungen, die mit malerischen Elementen durchsetzt sind und auch Einflüsse persischer Ornamentik beinhalten. Das Medium Zeichnung ist auch Basis für >>Elisabeth Gschiel, die ihre Motive nicht mit einem Stift zeichnet, sondern mit einer Nähmaschine als Fäden auf Papier näht und zu einer feministischen Betrachtung eines Handwerks einlädt, das traditionell Frauen zugesprochen wird. Die Skulpturen, Gefäße oder Körpervolumen von >>Marlene Gollner lassen eine Resonanz und Wechselwirkung zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen erfahrbar werden. >>Walter Kratners Fotografien von erkennungsdienstlichen Polizeifotos werden durch gestische Überarbeitung eindringlich auf eine beklemmende gesellschaftspolitische Ebene gehoben.

Im Ausstellungskontext „Growth“ ist den Künstler_innen das Bestreben gemeinsam, die tradierten Mediengrenzen aufzuweichen und zur Diskussion zu stellen.

ENGLISH: Four Austria-based artist presenting their art depending on the medium used, dealing with the possibilities of different art forms. This includes words, photos, space, materials, lines, shapes, colors or hybrid mixtures of these. From the individual works and groups of works in this exhibition can be seen that the artists understand „growth“ here primarily as an aesthetic transformation process.

>>Elisabeth Gschiel does not draw her motifs with a pen, but sews them as threads on paper with a sewing machine and invites you to take a feminist look at a craft that is traditionally attributed to women.  

The sculptures, vessels or body volumes by >>Marlene Gollner allow a resonance and interaction between the visible and the hidden to be experienced. Wild silk fibers are the material of these body shells, obtained from the cocoons of silkworms in the metamorphosis between chrysalis and butterfly.

>>Walter Kratner’s photographs of Police identification  photos are urgently raised to an oppressive socio-political level through gestural revision.

In this context, one can see expressive drawings by >>Marjan Habibian (curator), which are interspersed with painterly elements and also contain influences from Persian ornamentation.

In the context of the exhibition “Growth”, the artists all strive to soften traditional media boundaries and open them up for discussion.

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SIEHE AUCH:

WALTER KRATNER | „The Flaw / Der Makel“ / Belgrad | BLOG #66

WALTER KRATNER | „Broken Book 3″| BLOG #35

STAL GALLERY, MUSCAT, OMAN |  >> OMAN OBSERVER  | >> MUSCAT DAILY

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Eine Ausstellung durch Unterstützung der Botschaft Österreichs in Oman

An exhibition supported by the Embassy of Austria in Oman

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Kunst

# 98

WALTER KRATNER // „Balance 2“, 2022

Tierfigur (Zebra), Kalkstein, 2 Holzstühle (gebraucht), Holzkonstruktion (grau lackiert), Räder, Filz (schwarz), Handgriffe; Dim.: ca. 150 x 150 x 200 cm

Die zweite Objektinstallation für den Kulturstock 3 weist Bezüge zum Metamorphosen-Thema auf und gibt eine gesellschaftliche Perspektive vor: So scheint die Dekomposition von Holzstühlen besonders von der Vorläufigkeit jedes harmonischen Zustands inspiriert, den alle labile Gleichgewichte in sich tragen. 

Ein Stein drückt die Stuhl-Skelette zu Boden, währenddessen ein zweiter die prekäre Balance aufrecht erhält. Durch verkeilte Holzleisten und wenige Flügelkopf-Schrauben wird ein Gleichgewicht auf dem Rücken einer Spielzeug-Figurine aufrecht erhalten, das jeden Moment zerfallen könnte.

„(…) Nicht nur in dieser Installation werden die verwendeten Alltagsfragmente zum Menetekel der Katastrophenanfälligkeit der Gegenwart.“  Zit.: Erwin Fiala (Mag. Dr. Phil., Medienwissenschaftler)

ZU SEHEN AB 10. SEPTEMBER 2022 IM KULTURSTOCK K3 (bei Graz)

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SIEHE AUCH:  Kulturstock 3 | „Tod im Wasser“

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>> WALTER KRATNER >> BLOG 97 („Tod im Wasser“) | >> BLOG 85 („Dämmerung“) | >> BLOG 83 („3 Roses“) | >> BLOG 81 („Clean Hands“) | >> BLOG 79 („Woyzeck. Der Richterspruch“) | >> BLOG 66 (The Trap) | >> BLOG 45 (Hunger is the best source“ | >> BLOG 43 („Lampedusa 2 / Fragment“) | >> BLOG 39 („Celan“) | >> BLOG 35 („Broken Book 3“) | >> BLOG 34 (Werkbuch 6) | >> BLOG 30 („Nach der Jagd“) | >> BLOG 22 („Bagdad, 12. Juli, 2007“) | >> BLOG 12 („Werkbuch 5) | >> BLOG 3 („Der Makel“) | >> BLOG 2 („Ceija Stojka, Porajmos“)

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# 97

WALTER KRATNER // „Tod im Wasser“, 2020/2022

Tierfigur (Zebra), destilliertes Wasser (ca. 5 Liter), Waschschüssel (Blech, weiß, gebraucht), Stein, 2 Schraubenzwingen, Holzkonstruktion (weiß lackiert), Filz (schwarz), Handgriffe; Dim.: ca. 130 x 170 x 110 cm

In Zeiten von Pandemie und Krieg erweckt ein fast steter Aufenthalt in virtuellen Räumen den Anschein, dass Entferntes in gefühlte Nähe rückt.“

Während sich Europa in einer schweren Krise befindet, spielen sich jedoch vor den Toren des Kontinents auf dem Mittelmeer Dramen ab, die kaum noch jemand zur Kenntnis nimmt. Die Krise scheint ein Vorwand zu sein, um Flüchtlinge, die in Seenot geraten, nicht mehr retten zu müssen.

Fast spielerisch rückt die Objektinstallation „Tod im Wasser“ eine ertrinkende Tierfigur − ein afrikanisches Zebra − in den Fokus.

Literatur:

Ovid, Buch I: Metamorphosen 253-312 (Deutsche Übersetzung) – Die Sintflut

(…) Ein Wolf schwimmt zwischen Schafen, die Welle trägt gelbe Löwen,
(305) sie trägt auch Tiger mit sich, und nichts nützen dem Eber seine Blitzeskräfte,
und nichts dem weggetragenen Hirsch seine schnellen Beine,
und nachdem er lange Erde gesucht hatte, wo er anhalten könnte,
fällt der irrende Vogel mit ermatteten Flügeln ins Meer.
Die ungeheure Zügellosigkeit des Wassers hatte Hügel bedeckt,
(310) und es schlugen neue Fluten auf die Berggipfel.
Der größte Teil wird von der Welle weggerissen, und jene, die die Welle verschont hat, vernichtet langes Hungern durch fehlende Nahrung.

Anmerkung zur Arbeit:

„(…) Walter Kratner stellt (…) eine Metamorphose, eine Transformation dar. Sie wissen, das kommt öfters in der Literatur vor, – bekanntlich ursprünglich bei Ovid. Sein Konzept geht wiederum auf Heraklit und noch weiter zurück. Eine dieser Metamorphosen, die sie sicherlich kennen, ist die der Sintflut.

(…) Irgendwann ist der Mensch in seiner eigenen Wandlungsfähigkeit offensichtlich beschränkt. Er meint, um die Außenwelt kennen zu lernen, müsse man sich selbst kennen, um dann die Gesellschaft zu ändern. Diese Vorstellung funktioniert aber nicht und so gibt es in den meisten Kulturen eine Sintflut. Durch sie soll ein neues Leben, – ein anderes Leben entstehen. Walter Kratner nimmt mehr oder weniger eine der Metamorphosen von Ovid auf und zeigt in seiner Installation ein Zebra. Der Künstler geht dabei auf den Originaltext zurück und macht darauf aufmerksam, dass wir so von Neuigkeiten, Bildern und Nachrichten umgeben sind, dass wir viele Dinge außer Acht lassen. Dazu gehört auch die Außerachtlassung, dass tagtäglich Hunderte Menschen  im Mittelmeer ertrinken und vielleicht sogar an unser wunderbares Urlaubsgebiet angeschwemmt werden. Somit stellt der Künstler die Frage nach der Wandelbarkeit, nach der Wandelfähigkeit des Menschen, in den Raum.  (…) Zit.: Roman Grabner (Joanneum, Graz)

ZU SEHEN AB 2. JULI 2022 IM KULTURSTOCK K3 (bei Graz)

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SIEHE AUCH:  Kulturstock 3 | „Tod im Wasser“

SIEHE AUCH:

WALTER KRATNER // „La patria morta“ // Galleria Web Art, Treviso

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#93

JACOBO PONTORMO (1494 – 1557) // Zeichnung aus den Studien zu den Josephsgeschichten der Camera Borgherini in Florenz (1515 – 1518)

Abbildung: Studie zur Gemahlin des Pharao,

Schwarzer Stift und Bleiweiß auf bräunlichem, grundiertem Papier, 40,5 x 29,5 cm (Galleria degli Uffizi)

„Ausdruckstarke Studie eingeschlossener Angst an einer alten Frau … , in der Zeichnung der Linien, die sich in Helligkeit brechen, steckt eine schon beinahe chromatische Intensität.“ (Zit.: L. Becherucci)

Im Auftrag des Bankiers Francesco Borgherinis stattet Pontormo um 1518 gemeinsam mit anderen Fiorentiner Künstlern das Hochzeitszimmer für Borgherinis Sohn aus. Pontormos Beitrag umfasste drei „Cassone“ (Truhenbilder) und Gemälde mit Szenen aus dem Leben Josephs (alle vier Bilder in der National Gallery London).

Florenz ist zwar Geburtsort der Renaissance, aber um 1500 nicht mehr unumstrittene Kunst-Hauptstadt. In einem außergewöhnlichen Klima intellektueller Freiheit treffen in Florenz noch einmal die maßgeblichen Künstler und Kunstauffassungen von Leonardo bis Michelangelo zusammen und zwischen 1494 und 1530 entfaltet sich ein großes, faszinierendes Panorama Florentinischer Kunst. Es spricht für die Aufgeschlossenheit Florentiner Auftraggeber, dass sie auch derart gewagte Künstler-Visionen akzeptierten wie Pontormos Meisterwerke.

Mit 18 Jahren war Pontormo in die Werkstatt von Andrea del Sarto eingetreten. Spätestens seit 1515 gibt es dort einen deutlichen Einstrom deutscher und niederländischer Graphik (Dürer, Lukas van Leyden), in der sich ein „unruhiger“ Bildaufbau andeutet. In diesem Zeitraum ist auch ablesbar wie Michelangelo, Punkt für Punkt, die Proportionen forciert, wie er aus der klassischen Welt der Hochrenaissance in die „antiklassische“ Welt des Manierismus eintritt.

Pontormos Gemälde von Joseph mit Jacob in Ägypten (um 1518), aus der Bilder-Reihe für Pier Francesco Borgherini, legt nahe, dass der revolutionäre neue Stil Pontormos bereits mit diesem frühen Bild begann.

So gilt das Gemälde „Jacob in Ägypten“ auch als ein Meisterwerk des Manierismus. Pontormo bricht mit allen damals gültigen Normen und Konventionen der Malerei. Er verwandelte das traditionelle Prinzip der sukzessiven und mehrteiligen Erzählung, das als Charakteristikum der Florentiner Frührenaissance gelten kann, in ein effektvolles Spektakel. In seiner Darstellung des „Joseph in Ägypten“ werden die in grellen Farben gehaltenen Figuren einer extremen Skalierung unterworfen, Mit einer phantasievollen Mischung unterschiedlicher Elemente distanziert sich Pontormo deutlich vom monumentalen und erhabenen Stil der Hochrenaissance, der gleichzeitig in Rom seinen Höhepunkt erreichte. Diese Divergenzen in der stilistischen Orientierung in Florenz und Rom mögen sich z. T. daraus erklären, dass für Kunstwerke im privaten, bürgerlichen Milieu andere Kriterien galten. Gleichwohl manifestiert sich in der Ausstattung des Borgherini-Zimmers mit kleinformatigen und kleinteiligen Historienbildern eine neue künstlerische Sprache.

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#90

JACOBO PONTORMO (1494 – 1557) // Zeichnung

Studie zum Hl. Joseph für die Pala Pucci, Kirche San Michele Visdomini, Florenz, 1517-18

Schwarzer Stift und Rötel (Kinderkopf). 32,9×21,9 cm  (linke obere Ecke angestückt);  Gallerie degli Uffizi.

Die Drehung des Kopfes setzt eine intensive Beschäftigung mit der „Lakoon-Gruppe“ voraus. Dieselbe Gebärde wird weniger dramatisch und weicher im Selbstportrait auf dem Altarbild von Santa Felicità wiederkehren. (Zit.: Salvatore S. Nigro)

Die „Madonna mit Kind und Heiligen“, auch bekannt als Pucci-Altarbild befindet sich in der Kirche San Michele Visdomini in Florenz. Es wurde von Francesco di Giovanni Pucci in Auftrag gegeben, der als „Gonfaloniere di Giustizia“ de jure Staatschef der Republik und Oberkommandierender der Streitkräfte war. Gleichwohl waren die Mitglieder der Familie Pucci Vertraute der Medici, – waren sie doch auch Geldgeber für Cosimo de`Medici während seiner Verbannung. Das gesellschaftliche Klima in Florenz war zu dieser Zeit noch von einem sittenstrengen katholischen Fundamentalismus des 1498 hingerichteten Savonarola mitgeprägt. Gleichzeitig war das republikanische Regime kunstfreundlich  und spendierte öffentliche Aufträge in großem Stil.   

Pontormos größtes Tafelbild (214×195 cm) zeigt den Heiligen Joseph, der Jesus hält. Eine Rolle, die normalerweise von der Madonna erfüllt wird.  Auch damit bricht der erst 24 jährige Pontormo mit der bisherigen Bildtradition in der Darstellung einer Madonna mit Kind: Der neu geborene Jesus im Bildzentrum liegt getrennt von Maria, die ihrerseits von Heiligen umgebenen ist.  Die Gesichtszüge und Mimik des älteren Joseph und des hl. Evangelisten Johannes, sowie die lachenden Putten sind übertrieben ausgeprägt und die Blicke scheinen in alle möglichen Richtungen zu wandern. In keinem Fall kreuzen oder passen sie zusammen, was die psychologische Isolation der Figuren unterstreicht. Kurzum, alles vereint sich zu einer Atmosphäre ruheloser Instabilität.

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#89

JACOBO PONTORMO (1494 – 1557) // Zeichnung

Detailstudie zu den vier Patriachen, Capponi-Kapelle in Santa Felicità, Florenz, 1525

Rötel, 36,3 x 22,2cm (Gallerie degli Uffizi)

Das Gewölbe der Capponi-Kapelle mit den Fresken von Pontormo wurde 1736 bei der Renovierung der Kirche zerstört. In Fresko-Technik waren hier Gottvater und die vier Patriarchen dargestellt.

Die „Verkündigung“ (1526-1528) blieb in der Kapelle erhalten. Mit diesem Fresko entfernte sich Pontormo sehr weit von der üblichen Verkündigungstradition, indem er die Bedeutung der populären Volksprediger aufnahm.

Die Zeitgeschichte spielt deutlich in den Glanz und in die Nachtseiten der Spätrenaissance hinein: 1494 werden die Medici aus Florenz vertrieben. Die Stadt liegt in einem langen und zähen Konflikt mit Pisa. 1512 kehrt Giuliano de`Medici zurück. Ein Jahr später wird ein Medici zum Papst gewählt. Ab 1523, mit Giulio de`Medicis Besteigung des Heiligen Stuhls als Clemens VII wird Florenz endgültig aus Rom gelenkt. Im selben Jahr flieht Pontormo vor der Pest und Hingersnot aus Florenz, – aus einer Stadt, in der die Pest jeden Dritten der 32.500 Einwohner hinwegraffen wird. 1527 wird im Zuge des Sacco die Roma gegen die Medici geputscht. Über diese Italienischen Kriege hinaus gilt der Sacco di Roma als ein Höhepunkt kriegerischer Gewaltexzesse durch führerlose Söldnerheere. Zwei Jahre später wird Florenz von den kaiserlichen Truppen Karl V belagert, die schon Rom verwüstet hatten. Nach Verrat, im August 1530, kapituliert Florenz und Alessandro de` Medici kehrt als „Herzog der Republik Florenz“ zurück.

Das ist im Zeitraffer der historische Hintergrund eines einsamen, nachdenklichen und exzentrischen Künstlers, der später von der Gegenreformation zutiefst abgelehnt werden wird.

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#88

JACOBO PONTORMO (1494 – 1557) // Zeichnung

Studie zur Pomona (Göttin der Baumfrüchte) für Medici-Villa di Poggia a Caino (bei Florenz), um 1520

Oberer Teil: 17×23,3cm / Unterer Teil: 21,4×22,7cm (Gallerie degli Uffizi)

Schwarzer Stift und Bleiweiß. Das in bläulichen Nuancen übermalte Blatt ist in zwei Hälften zerschnitten. Wahrscheinlich hat Pontormo das Blatt selber auseinandergeschnitten. Der Zeichnung – spitzige und abgebrochene Striche – wird durch eine leichte Aquarellierung ein wenig von ihrer Härte genommen.

Schon in jungen Jahren war Pontormo als Auftragsmaler der Medici erfolgreich. Von 1518 bis 1521 schuf er die wunderbaren Fresken „Vertumnus und Pomona“ (Vertumnus = Gott der Jahreszeiten / Pomona = römische Göttin der Baumfrüchte) in der Medici Villa di Poggio a Caino.

Die Arbeit führte Pontormo dem Ziel näher, künstlerische Antworten auf den Zeitenwandel zu finden. Denn tief verunsichert waren die Menschen in jener Endphase der Renaissance, in der sich in Florenz Vertreibung der Medici und Wiedereinsetzung abwechselten. Giorgio Vasari, Chronist jener Dekaden, bezeichnete den von 1520 evident werdenden Stilwandel dieser Zwischenzeit neutral als „maniera moderna“.

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#87

JACOBO PONTORMO (1494 – 1557) // Zeichnung

Figurenstudie zu den Loggia-Fresken für die Villen Careggi und Castello, um 1535-1543

Rötel, 21,2 x 28,9 cm (Gallerie degli Uffizi).

Bei „Nudo visto da dietro“ handelt es sich um einen liegenden Akt, weiblich oder hermaphroditisch, in raffinierten, überraschenden Verbindungen und Verknotungen, von dem eine höchst sensible Sinnlichkeit ausgeht.

Vermutlich eine Vorzeichnung für die Fresken in den Loggien der Villen von Careggi und Castello, die Cosimo de`Medici 1537 bei Pontormo bestellte.

Nicht die Malerei, nicht die Bildhauerei sei die edelste Gattung der Kunst, vielmehr „il disegno“, als deren gemeinsames Fundament, im technischen wie ideellen Sinn, das ist Pontormos Meinung in der berühmten Umfrage Varchis von 1546. Pontormo ist ein Zeichner, der fragend zeichnet. „Perfektion ist für ihn weder gesichert, noch durch Regeln realisierbar zu denken. Pontormo hat den Zeichnungen zugetraut und zugemutet, was sonstwie nicht zu erlangen war.“ (Zit.: Emil Maurer, NZZ, November 1996)

Die Fresken in den Loggien der Villa von Careggi und Villa von Castello sind nicht erhalten geblieben. Erhalten haben sich nur eine Reihe von Zeichnungen und verzerrten Anatomien, die eindeutig von Michelangelos Allegorien der Medicigräber inspiriert sind.

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#86

JACOBO PONTORMO (1494 – 1557) // Zeichnung

Aktstudie für Freskos in der Medici Villa in Poggio a Caino, Florenz, um 1520

Rötel, 34,2 x36,5 cm (Gallerie degli Uffizi).

Auf dem Mäuerchen liegende Figur mit aufgestütztem Arm und einen Stab in der rechten Hand. Es ist die erste – männliche – Version  einer Gestalt, die am Ende Frauenkleider bekommen wird, ganz im Sinne von Pontormos unablässigem, androgynen Traum.

Die schreckhaft aufgerissen Augen des Knaben scheinen unvereinbar mit der bequemen Haltung. Die unmerkliche Tendenz zur Deformation, die Längungen, Muskelspiele und die seltsamen Schraffuren, die auf die Mauer übergreifen verweisen auf die Abkehr Pontormos von seinen Renaissance-Meistern Andrea del Sarto oder Leonardo.

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