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#58

FEDE GALIZIA (1578 – 1630) // „Natura Morta“  (Eine Kristallschale mit Pfirsichen, Jasminblüten, Quitten und einer Heuschrecke). 1607

Öl auf Holztafel (30,5  x 43,2 cm)

Die Tochter des Miniaturisten und Malers Nunzio Galizia (1573–1620) erhielt ihre vorbereitende Ausbildung von ihrem Vater in Mailand. Mit zwölf Jahren zeigte Galizia Fede ihr frühreifes Talent und produzierte vielbeachtete Portraits und Andachtskompositionen. Wie >> Clara Peeters (ca. 1589–1657) in den Niederlanden gehörte Fede Galizia zu den wenigen Künstlerinnen, die eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Entwicklung des damals neuen Genres des Stilllebens spielten.

Obwohl sie oft beauftragt wurde, Portraits, Miniaturen und Altarbilder zu malen, ist sie vor allem mit ihren Stillleben bekannt geworden, die der Kunstkritiker Roberto Longhi als „präzise und doch etwas melancholisch“ bezeichnete. Ihre Stillleben sind sehr detailliert und in leuchtenden Farben gemalt und bestehen hauptsächlich aus Früchten und Blumen, die aus der Dunkelheit ins Licht ragen. Im Gegensatz zu ihren Zeitgenossen bevorzugte sie einen strengen, einfachen Stil.

Die meisten Werke zeigen die Früchte in einfachen, frontalen Arrangements. Sie bestehen oft aus einem Korb oder einer Schüssel, die mit einer einzigen Obstsorte wie Pfirsichen oder Birnen gefüllt ist, wobei einige Früchte, manchmal in Scheiben geschnitten, am Boden der Schüssel verstreut sind. In vielen ihrer Stillleben liegen frische Blumen oder andere Früchte auf einer Tischplatte, um einen spürbaren Kontrast zu schaffen, wie in ihrem Stillleben „Ein Glas mit Pfirsichen, Jasminblüten, Quitten und einer Heuschrecke“ zu sehen ist.

Galizias Werk lässt den Einfluss von Werken, wie Caravaggios „Obstkorb“, erkennen.  In Verbindung mit dem zurückhaltenden Stil in der Zeit der Gegenreformation untersuchte sie jedoch nicht die verschwenderischen Kompositionen und Formen, die viele ihrer Zeitgenossen in dieses Genre aufnahmen. Sie bevorzugte stattdessen einen strengen Kompositionsstil, wie er in Francisco de Zurbaráns späteren Stillleben-Gemälden zu sehen ist.

Die Kristallschale mit Pfirsichen, Jasminblüten, Quitten und einer Heuschrecke ist eines von mindestens fünf nahezu identischen Galizia-Stillleben. Alle haben die Früchte und das Glas in ähnlicher Anordnung. Die abgebildete Version ist jedoch die einzige, die ein Insekt – eine Heuschrecke – enthält. Das Insekt ist nicht nur ein wirkungsvoller Hinweis auf das Alltagslebens, sondern es ist mit ziemlicher Sicherheit auch ein Symbol für Zeit, Tod oder Sünde. Es könnte auch ein Vanitas-Element sein, das sich auf den Tod durch die biblische Heuschreckenplage bezieht.  Vielleicht soll das Insekt neben der halbierten und damit rasch verderblichen Quitte das Thema der Vergänglichkeit andeuten. Die genaue Bedeutung bleibt jedoch unklar.

Im Allgemeinen beeindrucken Galizias Stillleben durch ihre naturalistischen Details. Besonders hervorzuheben sind die Texturen und der dramatische Kontrast von leuchtenden Früchten zu dunklen Hintergründen.

Komplexe Glasurschichten bilden die weiche Haut der Pfirsiche, den Glanz des Glases und die geschmeidigen, sich kräuselnden Blütenblätter des Jasmins. Die subtilen Farbtöne ergeben sich allmählich ohne starke chromatische Übergänge, und während das Licht hell auf die Oberfläche der Frucht fällt, sind die resultierenden Schatten nicht stark abgegrenzt, sondern treten sanft in den dunklen Hintergrund ein.

Viele Werke, die von Fede Galizia stammen, wurden anfänglich ihrem männlichen Kollegen Panfilo Nuvolone zugeschrieben, der sich maßgeblich von Galizia inspirieren ließ. Die Wiederentdeckung monogrammierter Bildtafeln hat es den Wissenschaftlern ermöglicht, das Werk von Fede Galizia neu zu bewerten, indem sie ihre feine und subtile Malweise vom weitaus aufwändigeren Stil des Panfilo unterschieden. So wurde erst spät die Bedeutung dieser innovativen Malerin festgeschrieben.

>> MEHR: FEDE GALIZIA | „PORTRAIT OF PAOLO MORIGIA“

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#57

FEDE GALIZIA (1578 – 1630) // “Portrait of Paolo Morigia”, (1592/95)

Öl auf Leinwand (88 x 79 cm) // Pinacoteca Ambrosiana, Milano

Galizia wurde als Tochter des Miniaturmalers Nunzio Galizia in Mailand geboren, wo sie ihr gesamtes Leben verbrachte. 1595 erlangte sie durch ihre Portraitzeichnungen so große Berühmtheit, dass ihr Name bis zum Hof von Kaiser Rudolf II. vordrang. Sie wurde allerdings nicht so bekannt wie andere Künstlerinnen –  Angelica Kauffman oder Elizabeth Vigée-Lebrun – weil Galizia keinen Zugang zu aristokratischen Kreisen hatte und auch nicht die besondere Schirmherrschaft politischer Herrscher und Adliger suchte.

Das Portrait von Paolo Morigia malte Fede Galizia 1596 mit erst achtzehn Jahren. Der Stil ihrer Malerei leitet sich aus den naturalistischen Traditionen der Renaissance in Italien mit einem scharf realistischen Ansatz ab. Das Bildnis des Mailänder Gelehrten und jesuitischen Generaloberers ist mit akribischer Detailgenauigkeit ausgeführt. Die Künstlerin stellt weniger den religiösen Aspekt des Porträtierten heraus. Sie legt den Schwerpunkt auf die Darstellung eines gelehrten Historikers. Das unterstreicht die Brille, die Morigia in der linken Hand hält. Die Reflexion der Fenster in den Brillengläsern zeigt den Einfluss der zeitgenössischen flämischen Kunst, während die große Ausdruckskraft der Lippen auf physiognomische  Studien zurückgreift, die damals dank Leonardo da Vinci in der Lombardei besonders beliebt waren.

Im Sinne der alten Meister gelingt Fede Galizia die Mimesis (die poetische Nachahmung der Realität) besonders mit der Darstellung von Morigias Brille: Die Reflexion der Linsen zeigt den Raum, in dem Morigia sitzt und erhöht so die Illusion der Realität. Die naturalistische Abbildung der Objekte erinnert daran, dass Fede Galizia eine gesuchte Malerin für exquisite Stillleben war.

Die Zeilen, die Morigia auf ein Blatt Papier auf einem aufgeklappten Liederbuch schreibt, beziehen sich auf die malerischen Fähigkeiten der Künstlerin und stammen aus einem Madrigal von Gherardo Borgogni.

Während ihres ganzen Lebens zeigte Galizia eine seltene Vielseitigkeit in ihrer Arbeit und produzierte großartige biblische Szenen und Altarbilder, die von der gegenreformistischen Kirche unter den spanischen Habsburgern in Auftrag gegeben wurden. Ein eigenes Kapitel in der europäischen Kunstgeschichte nehmen ihre Stillleben ein.

Fede Galizia starb 1630 unverheiratet und kinderlos in Mailand an der Pest.

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