Kategorien
Allgemein

#57

FEDE GALIZIA (1578 – 1630) // “Portrait of Paolo Morigia”, (1592/95)

Öl auf Leinwand (88 x 79 cm) // Pinacoteca Ambrosiana, Milano

Galizia wurde als Tochter des Miniaturmalers Nunzio Galizia in Mailand geboren, wo sie ihr gesamtes Leben verbrachte. 1595 erlangte sie durch ihre Portraitzeichnungen so große Berühmtheit, dass ihr Name bis zum Hof von Kaiser Rudolf II. vordrang. Sie wurde allerdings nicht so bekannt wie andere Künstlerinnen –  Angelica Kauffman oder Elizabeth Vigée-Lebrun – weil Galizia keinen Zugang zu aristokratischen Kreisen hatte und auch nicht die besondere Schirmherrschaft politischer Herrscher und Adliger suchte.

Das Portrait von Paolo Morigia malte Fede Galizia 1596 mit erst achtzehn Jahren. Der Stil ihrer Malerei leitet sich aus den naturalistischen Traditionen der Renaissance in Italien mit einem scharf realistischen Ansatz ab. Das Bildnis des Mailänder Gelehrten und jesuitischen Generaloberers ist mit akribischer Detailgenauigkeit ausgeführt. Die Künstlerin stellt weniger den religiösen Aspekt des Porträtierten heraus. Sie legt den Schwerpunkt auf die Darstellung eines gelehrten Historikers. Das unterstreicht die Brille, die Morigia in der linken Hand hält. Die Reflexion der Fenster in den Brillengläsern zeigt den Einfluss der zeitgenössischen flämischen Kunst, während die große Ausdruckskraft der Lippen auf physiognomische  Studien zurückgreift, die damals dank Leonardo da Vinci in der Lombardei besonders beliebt waren.

Im Sinne der alten Meister gelingt Fede Galizia die Mimesis (die poetische Nachahmung der Realität) besonders mit der Darstellung von Morigias Brille: Die Reflexion der Linsen zeigt den Raum, in dem Morigia sitzt und erhöht so die Illusion der Realität. Die naturalistische Abbildung der Objekte erinnert daran, dass Fede Galizia eine gesuchte Malerin für exquisite Stillleben war.

Die Zeilen, die Morigia auf ein Blatt Papier auf einem aufgeklappten Liederbuch schreibt, beziehen sich auf die malerischen Fähigkeiten der Künstlerin und stammen aus einem Madrigal von Gherardo Borgogni.

Während ihres ganzen Lebens zeigte Galizia eine seltene Vielseitigkeit in ihrer Arbeit und produzierte großartige biblische Szenen und Altarbilder, die von der gegenreformistischen Kirche unter den spanischen Habsburgern in Auftrag gegeben wurden. Ein eigenes Kapitel in der europäischen Kunstgeschichte nehmen ihre Stillleben ein.

Fede Galizia starb 1630 unverheiratet und kinderlos in Mailand an der Pest.

>> MEHR: FEDE GALIZIA | „NATURA MORTA“

>> ZURÜCK ZU PFINGSTART_AKTUELL

>> ZUM KÜNSLER_INNEN INDEX

Kategorien
Allgemein

#56

ARCANGELA PALADINI (1596 – 1622) // „Selbstportrait“ (1621)

Öl auf Leinwand  (54,5 x 43,5 cm) // Galleria degli Uffizi, Firenze

Arcangela Paladini war die Tochter des Florentiner Malers Filippo Lorenzo Paladini (1544–1616) und eine Schülerin von Alessandro Allori (1535–1607). Paladini war eine Zeitgenossin und Freundin der Barockmalerin Artemisia Gentileschi. Sie könnte als Vorbild für Artemisias frühes Bild der „Santa Cecilia“ gedient haben. Paladini war bereits mit 15 Jahren eine versierte Künstlerin. Nachdem sie 1615 von Pisa nach Florenz gezogen war, begann sie unter dem bekannten manieristischen Maler Jacopo Ligozzi im Kloster von Sant’Agata in Florenz zu arbeiten.

Da es Frauen untersagt war, in den Künstler-Werkstätten zu arbeiten, beherbergte in dieser Zeit in Florenz das Kloster Sant`Agata Frauen mit besonderen künstlerischen Fähigkeiten.

Unter Leitung der Äbtissin Gostanza, einer Schwester von Ottaviano de ‚Medici, befanden sich in diesen Jahren auch Sorella Prudenza, Tochter des Malers Jan van der Straet und die vier Nichten von Michelangelo Buonarroti (der Jüngere), innerhalb der Mauern des Konvents.

Das Kloster war mit einer Spiel-Bühne ausgestattet, auf der die Nonnen Aufführungen religiösen Inhalts inszenierten.  Arcangela Paladinis zusätzliches Talent in den künstlerischen Bereichen wie Gesang und Poesie konnten sich in dieser Zeit voll entfalten. Und so war es Arcangelas bezaubernde Gesangs-Stimme, die die Großherzogin Maria Maddalena von Österreich, der Frau des Cosimo II de ‚Medici, auf die Malerin aufmerksam machte.

1616 verlässt Paladini das Kloster und heiratet den in Antwerpen geborenen Wandteppichhersteller Jan Broomans. Die Großherzogin lud daraufhin Paladini ein, ihr am Hof ​​zu dienen. Als „Cantatrice della Serenissima“ wird Arcangela Paladini zur vielumjubelten Sängerin am Hof der Medici.

Aus der Zeit nach ihrer Hochzeit sind allerdings nur wenige Bilder bekannt. 1621 malte Paladini ein Selbstporträt für Maria Maddalena. Das Porträt wurde später in die Sammlung des Vasari-Korridors aufgenommen.  1622 starb Arcangela Paladini unerwartet im 26. Lebensjahr. Als Zeichen für die tiefe Trauer der Medici wurde sie in einem suggestiven Sarkophag unter dem Portikus der Kirche Santa Felicita beigesetzt, deren Familienkirche an den Vasari-Korridor angrenzt.

>> ZURÜCK ZU PFINGSTART_AKTUELL

>> ZUM KÜNSLER_INNEN INDEX

Kategorien
Allgemein

#55

Internationale Tage gegen Gewalt an Frauen 2020

ARTEMISIA GENTILESCHI (1593-1654) // “Self-Portrait as the Allegory of Painting (La Pittura)

Öl auf Leinwand (98.6 x 75.2 cm) // National Gallery London

1612 wurde Artemisia vergewaltigt. Der Vergewaltiger Tassi wurde wegen „Entjungferung“ und  Nichteinhaltung eines Eheversprechens angeklagt. Die vergewaltigte Frau wird zum zweiten Mal Opfer männlicher Gewalt. Artemisia musste gynäkologische Untersuchungen bezüglich ihrer nicht mehr vorhandenen Jungfräulichkeit über sich ergehen lassen – in Anwesenheit der Richter natürlich – und wurde noch zusätzlich gefoltert. Mit angelegten Daumenschrauben (ital. „le sibille“) schrie sie in einem Kreuzverhör dem anwesenden Tassi ins Gesicht: „Dies ist der Ring, den du mir gegeben hast, und das sind deine Versprechungen!‘

Im Oktober 1612, nach achtmonatiger Verhandlungsdauer, wurde der Prozess schließlich ohne nennenswertes Ergebnis niedergeschlagen. Tassi kam auf freien Fuß, seine Karriere als Maler ging bruchlos weiter.

Ganze dreihundert Jahre musste sie darauf warten, bis sie als Künstlerin anerkannt wurde. Erst 1916 widmete ihr der italienische Kunsthistoriker Roberto Longhi eine ausführliche Studie. Am Ende war er davon überzeugt, dass Artemisia Gentileschi „die einzige Frau Italiens war, die je gewusst hatte, was Malerei und Farben sind.“

>> ZURÜCK ZU PFINGSTART_AKTUELL

>> ZUM KÜNSLER_INNEN INDEX

Kategorien
Allgemein

#54

ELISABETTA SIRANI  (1638–1665)

„Giuditta con la testa di Oloferne“ // “Judith with the Head of Holophernes” ca.1660

Öl auf Leinwand (236 x 183 cm) // Lakeview Museum of Arts and Sciences, Peoria, Illinois   

Elisabetta Sirani wurde in eine Künstlerfamilie geboren und zuerst im Atelier ihres Vaters ausgebildet. Sie eignete sich die Techniken der „Bologneser Malerei“ an und galt zu Lebzeiten, neben ihren männlichen Kollegen – wie Guido Reni –  als eine der bekanntesten Malerinnen in Bologna.

Als ihr Vater Giovanni Andrea Sirani 1654 erkrankte, begann Elisabetta die Werkstatt ihrer Familie zu leiten und wurde zur Hauptverdienerin der Familie. Ihr Studio war sehr erfolgreich und Elisabetta Sirani wurde auf aufgrund der progressiven Atmosphäre von Bologna, als Künstlerin akzeptiert und besonders gefeiert.  

Das Thema „Judith und Holofernes“ ist bei Künstlerinnen des 17. Jahrhunderts sehr beliebt. Das Gemälde Siranis wurde oft mit Artemisia Gentileschis „Judith und Holofernes“ aus dem Jahr 1620 verglichen, das oft als gewalttätig angesehen wurde. Beide präsentieren Judith als starke Frauenfigur. Während Gentileschi die Magd in völliger Absprache mit Judith darstellt, zeigt Sirani hingegen eine ältliche, wenig aktive Magd, die auf diese Weise die Kraft von Judith betont.

Bei Sirani schaut Judith nicht auf den abgetrennten Kopf von Holofernes. Anstatt entschlossen und in das Geschehnis involviert zu sein, wie es bei Gentileschis Judith den Anschein hat, ist Judith bei Sirani eher eine schöne Frau, die betrachtet. Diese Tatsache und der Vergleich mit Gentileschi beweisen, dass die zugrunde liegende Weiblichkeit der Bilder per se nichts gemeinsam hat, außer der Tatsache, dass beide von Frauen geschaffen wurden. Feministische Kunsthistoriker_innen haben dies als Beispiel dafür herangezogen, wie auch Künstlerinnen für sich stehen und sich in ihren Aussagen voneinander unterscheiden.

Anmerkung:

Mittelalterliche Bibelkommentare sahen in Judith die Jungfrau Maria, das ist die Institution Kirche als solche, – während Holofernes den Teufel darstellte. Folgerichtig gelingt es nach Auslegung konservativer Kirchentheologen Judith nicht, Holofernes dank ihrer eigenen körperlichen Stärke zu töten und zu enthaupten, sondern dank der Stärke, die Gott ihr gibt. („Und das Licht, das von oben herabkommt, ist das göttliche Licht, das ihre Hand führt.“) So wurde Judith zu einem Werkzeug patriachaler Gotteskräfte degradiert.

>> SIEHE AUCH: ELISABETTA SIRANI BLOG #53

>> ZUM KÜNSLER_INNEN INDEX

>> ZURÜCK ZU PFINGSTART_AKTUELL

Kategorien
Allgemein

#53

ELISABETTA SIRANI (1638 – 1665) //

“Timoclea uccide il capitano di Alessandro Magno”, 1659 // “Timoclea Kills the Captain of Alexander the Great”)

Öl auf Leinwand (228 x 174.5 cm) // Museo di Capodimonte, Napoli, Italia

Die 1638 in Bologna geborene Barockmalerin Elisabetta Sirani gilt als wichtige Nachfolgerin der berühmten Malerin Artemisia Gentileschi (1593–1653) und als eine der ersten Frauen überhaupt, die in die renommierte Accademia di San Luca in Rom aufgenommen wurde. Zudem gründete sie in Bologna eine Künstlerakademie, die nur für weibliche Teilnehmer gedacht war und den Versuch darstellte, gegen die seit Jahrhunderten im Kirchenstaat währenden erschwerten Bedingungen der weiblichen Künstlerkarriere anzukämpfen.

Auffallend an ihren Historienbildern ist ihre Vorliebe für „starke Frauen“ aus der antiken Mythologie und der biblischen Geschichte. Es gibt Bilder über Circe, Cleopatra, Dalila mit der Schere, Judith mit dem Haupt des Holofernes, Porzia, die ihrem Mann Brutus Stärke und männliche Tapferkeit demonstriert, indem sie sich einen Dolch in ihren Oberschenkel sticht, und Timokleia von Theben, die einen Hauptmann Alexanders des Großen, der sie vergewaltigt hatte, an den Beinen packt und ihn kopfüber in den Brunnen stürzt und mit Steinen tötet. Eine eher selten dargestellte Szene aus den „Vite“ des Plutarch.

Bei aller Liberalität, die in Bologna herrschte, gab es doch auch Zweifler an der tatsächlichen Urheberschaft Elisabettas an den von ihr ausgeführten, qualitativ äußerst hochwertigen Gemälden, die stilistisch vor allem an Guido Reni, aber auch Caravaggio angelehnt waren. Um jedes weitere Gerücht im Keim zu ersticken, malte Elisabetta in einem offenen Atelier und begann ihre Werke zu signieren.

Trotz ihres frühen Todes hinterließ sie ein Oeuvre von rund 200 Ölbildern, mehrere großformatige Altarbilder und eine große Anzahl von Zeichnungen, Aquarellen, Skizzen und Kupferstichen.

>> SIEHE AUCh : ELISABETTA SIRANI BLOG #54

>> ZUM KÜNSLER_INNEN INDEX

>> ZURÜCK ZU PFINGSTART_AKTUELL

Kategorien
Allgemein

#52

LAVINIA FONTANA (1552 – 1614) // “Minerva in atto di abbigliarsi” („Minerva Dressing“), 1613 //

Öl auf Leinwand (258 x 190 cm) // Galleria Borghese, Roma

Lavinia Fontana wurde in Bologna, als Tochter des manieristischen Malers Prospero Fontana geboren. Sie erfuhr in der Werkstätte ihres Vaters eine breitgefächerte humanistische Ausbildung und wurde früh von Papst Gregor XIII., der ebenfalls aus Bologna stammte, unterstützt.

Zu ihren besten Werken zählt das Bildnis ihres Gönners (1580). Diese Arbeit ermöglichte ihr dauerhafte Verbindungen zu kirchlichen Auftraggebern. Lavinia zog 1603 mit ihrer Familie auf Einladung des Papstes Clemens VII. nach Rom. Es folgten weitere Aufträge für Altargemälde und private Historienbilder. Bei ihrer Ankunft in Rom war sie die erste Frau, die jemals in die Accademia di San Luca in Rom aufgenommen wurde, die in Rom als wichtigste Schule und Bruderschaft für Maler, Bildhauer und Architekten galt.

Trotz all ihrer überwältigenden Leistungen war Fontana immer noch durch ihr Geschlecht in der Themenwahl eingeschränkt. So war ihr verboten, männliche Akte zu studieren oder zu malen. Jedoch war ihr erlaubt, Akte von Frauen abzubilden. Daraus entstand eine Serie von Aktporträts griechischer Göttinnen und Allegorien, wie eine über „Venus“, die sie als weibliche Personifikation der Klugheit darstellt.

Das Bild „Minerva kleidet sich an“ von 1613, das sie im Auftrag von Kardinal Scipione Borghese anfertigte, ist zugleich ihr letztes bekanntes Gemälde. Minerva ist die römische Göttin der Weisheit, der Künste, der Kriegsstrategie und des Handels. Die Römer stützten einen Großteil von Minervas Macht auf ihre Verwandtschaft mit der griechischen Göttin Athene, denn Minerva wurde ebenfalls aus dem Kopf ihres Vaters Jupiter geboren. In der Überlieferung trägt sie eine Rüstung mit einem weisen, strengen Gesicht. Es wurde angenommen, dass Minerva die Personifikation der Kraft des Denkens und des strategischen Sieges ist.

Im römischen Mythos errangen Menschen, die von der Göttin Minerva angeführt wurden, ihren Sieg durch Ausdauer und Witz. In Bezug darauf hat Lavinia Fontana nicht nur die Rolle der Frau in Gesellschaft und Kunst des 16. Jahrhunderts  beeinflusst, sondern sie wusste auch, wie wichtig es ist, Verbündete in hohen Positionen zu nützen.

Lavinia war sehr erfolgreich und zählte zu den bekanntesten Malpersönlichkeiten ihrer Zeit. Es gibt mehr als 100 Werke, die von frühen Quellen dokumentiert werden, aber nur 32 sind signiert. Weitere 25 erhaltene Werke werden ihr zugeschrieben, was ihr Schaffen zum umfangreichsten einer Malerin vor dem 17. Jahrhundert macht.

>> ZURÜCK ZU PFINGSTART_AKTUELL

>> ZUM KÜNSLER_INNEN INDEX

Kategorien
Allgemein

#51

LAVINIA FONTANA (1552 – 1614) // “Antonietta Gonzalez” (1595)

Öl auf Leinwand  (57 x 46 cm.)  // Musée du Château, Blois

Lavinia Fontana zählte zu den herausragenden Malpersönlichkeiten ihrer Zeit. Vor allem ihre Porträts und historischen Darstellungen wurden allgemein bekannt. Ungewöhnlich für eine Frau der damaligen Zeit wagte sie sich auch an Aktmalerei.  In den 1570er Jahren galt Fontana als eine der bedeutendsten Porträtmalerinnen Bolognas. Das Porträt von Antonietta Gonsalvus wurde 1594 oder 1595 von ihr gemalt.

Lavinia Fontana porträtierte für den Großherzog Ferdinand de Gonzaga in Mantua die 8 bis 10 jährige  Antonietta (geb. um 1588), die jüngere Tochter von Petrus Gonsalvus. Dieser hatte eine Eigenschaft, die im 16. Jahrhundert die Hälfte Europas faszinierte: Er hatte Hypertrichose, eine erbliche genetische Störung, die seinen gesamten Körper mit Haaren bedeckte. Gonsalvus wurde auf den Kanarischen Inseln gefangen genommen und an den Hof von König Heinrich II. von Frankreich gebracht, wo er zur Hauptattraktion für Adlige und Bürger wurde, die „das Tier“ domestiziert und zivilisiert sehen wollten. Am Hof ​​wurde Petrus‘ Status allerdings nicht abgewertet. Er wurde in den Geisteswissenschaften ausgebildet, lernte Latein und wurde zum Adjutanten seiner Majestät.

Er heiratete Catherine Raffelin, eine haarlose Bourgeoisie; Aus ihrer Vereinigung gingen sechs Kinder hervor. Eines der Mädchen war Antonietta, die von Lavinia Fontana, der vielleicht wichtigsten Malerin der Zeit, mit großer Zärtlichkeit und Sympathie dargestellt wurde. Das Porträt zeigt eine Hybride, die irgendwo zwischen einer puppenähnlichen Figur und einer haarigen Kreatur in Hofkleidung liegt. Das gesamte Gesicht des 8-10-jährigen Kindes ist von dichtem Haarwuchs bedeckt. Was auffällt, wenn man Lavinia Fontanas Gemälde betrachtet, ist die wohlwollende Sichtweise der Porträtmalerin. Obwohl Antoniettas Gesicht übermäßig reichlich mit Gesichtshaaren bedeckt ist, wirkt das Gesicht harmonisch und keineswegs männlich. Das junge Mädchen scheint perfekt in die Hochkultur ihrer Zeit eingebunden zu sein: Sie ist in ein schönes Kleid gekleidet und mit einem eleganten Ornament nach Art des Hofes von Florenz gekrönt. Ein Kinderporträt, in dem Antonietta einen Brief trägt, der einen Teil der Geschichte ihrer Familie erklärt und impliziert, dass sie und Ihre Freunde kaum mehr als Kuriositäten waren, die die Adligen der damaligen Zeit als exotische Tiere sammeln konnten. So wurde auch nach dem Tod Heinrichs II. Petrus und seine Familie an Margarete von Österreich, Herzogin von Parma, Gouvernante der Niederlande, abgetreten.

Der Großherzog Ferdinand war, wie viele andere Aristokraten in der Renaissance, ein begeisterter Sammler natürlicher Kuriositäten und seltsamer Objekte. Dieses Interesse an Mirabilien erstreckte sich auf alle Höfe und „Wunderkammern“ Europas. So wurde dem Erzherzog Ferdinand II. von Tirol ein Gemälde für die Kunstkammer seines Palastes  in Ambras (südlich von Innsbruck) angeboten, das vier ebenfalls behaarte Mitglieder der Familie Gonsalvus darstellt. Aus diesem Grund wurde die Hypertrichose der Familie Gonsalvus bis Ende des 19. Jahrhunderts auch als „Ambras- Syndrom“ bezeichnet. 1872 erhielt  Kaiser Franz Joseph (Ehemann von Elizabeth / „Sissi“) Kopien dieser Porträts.

>> ZURÜCK ZU PFINGSTART_AKTUELL

>> ZUM KÜNSLER_INNEN INDEX

Kategorien
Allgemein

#50

PHILIP TAAFFE (*1955) // “Martyr Group” (1983) //

Collage auf Leinwand, 264 x 264cm

Zurzeit: Albertina Wien,  Sammlung Jablonka

Philip Taaffe bekam seine künstlerische Ausbildung an der Cooper Union New York bei dem Künstler Hans Haacke. Er wurde Anfang der 1980er Jahre mit der Bewegung der „Appropriation Art“ international bekannt. Er ging zunächst von der Tradition der gegenstandslosen Malerei des 20. Jahrhunderts aus und verband seine Konzeption abstrakter Kunst mit Untersuchungen zum Ornament. Dabei betätigt sich Taaffe als Wanderer zwischen den Zeiten und Kulturen: von den präkolumbischen und indianischen Stammeskulturen in Amerika über die irisch-keltische und mozarabische Blüte des Ornaments in Europa bis in den Mittleren Osten, nach Indien und Japan.

„Gruppe von Märtyrern“ ist eine frühe Collage. Auf einer Müllhalde  von New Jersey findet er unterschiedliche Zielscheiben, wie sie beim Schiesstraining der Polizei in Gebrauch sind. Die eine Art Zielscheibe zeigt die schematische Darstellung des Oberkörpers eines Menschen, an dem einzelne Bereiche mit einer Kombination aus Buchstaben und einer Zahl markiert sind, während die andere Art aus einer gewöhnlichen Scheibe aus konzentrischen nummerierten Kreisen besteht. Taaffe  befestigt die totemartigen „Körper-Scheißscheiben“ überlappend auf einer Leinwand, fünf bis sechs Figuren pro Reihe, in fünf Reihen hintereinander. Der Aufbau entspricht in etwa der Anordnung eines konventionellen, auf einer Tribüne aufgenommenen Gruppenfotos. Die konzentrischen Scheiben sind die Köpfe der untersten und obersten Reihe unterlegt. Unterstützt durch die gelbe Farbe vermitteln sie den Eindruck eines Heiligenscheins.

Taaffe lässt sich von der Freskomalerei des 16. Jahrhunderts in rumänischen Klöstern inspirieren, aus denen uns Scharen von Heiligen entgegenblicken. In seiner Darstellung sind die Figuren jedoch gesichtslos oder wenden uns den Rücken zu. Ist dies das Bild einer Hinrichtung? Keiner bestimmten, aber vielleicht einer, die in diesem Augenblick, jetzt soeben stattfinden könnte, jeden Tag? Oder marschieren die titelgebenden Märtyrer womöglich freiwillig und geordnet in den Tod?

Das Werk entsteht am Beginn der Aids-Pandemie und kann daher auch auf die ersten Opfer dieser damals mit Sicherheit todbringenden Krankheit bezogen werden. (Text: Albertina Wien, 2020)

>> ZURÜCK ZU PFINGSTART_AKTUELL

>> ZUM KÜNSLER_INNEN INDEX

Kategorien
Allgemein

#49

SOFONISBA ANGUISSOLA (um 1535–1625) // „Drei Schwestern beim Schachspiel“ (um 1555)

Öl auf Leinwand // 72x97cm

Die Malerei war im 16. Jahrhundert eine Männerdomäne. Das heißt aber nicht, dass es keine Malerinnen gegeben hat. Sofonisba Anguissola war ohne Zweifel im 16. Jahrhundert die bekannteste Künstlerin in Italien, wenn nicht in Europa.

Die aufgeschlossenen Eltern der Künstlerin ermöglichten in Cremona den sechs Töchtern eine humanistische und selbstbewusste Erziehung, die normalerweise nur dem einzigen Sohn zugestanden hätte. Da es Frauen aber nicht erlaubt war, anatomische Bilder oder welche mit mythologischem Bezug zu malen, konzentrierte Sofonisba sich auf Portraits oder häusliche Szenen. Bereits 1555 hatte sie ihr wohl berühmtestes Familienporträt vorgelegt, das drei ihrer fünf Schwestern beim fröhlich-aufmerksamen Schachspiel zeigt und als erstes Genrebild der italienischen Malerei in die Kunstgeschichte einging.

Sie reiste 1559 auf Empfehlung des Herzogs von Alba, Fernando Toledo, an den Hof Philipps II. nach Madrid. Der König von Spanien und seine Ehefrauen schätzten Anguissola so sehr, dass sie der Malerin eine jährliche Rente gewährten. Damit dürfte Sofonisba Anguissola die erste Hofmalerin der europäischen Renaissance gewesen sein.

Für Mädchen ihres gehobenen Standes äußerst ungewöhnlich, lebten und lernten sie ab 1546 drei Jahre lang im Hause Campis, in Obhut des Künstlers und dessen Frau, und vollendeten bis 1551 ihre insgesamt fünfjährige Ausbildung bei Bernardino Gatti (um 1495–1576). Auf Vermittlung ihres Vaters, der Sofonisbas Karriere verwaltete, stand sie bald in Briefwechsel mit Michelangelo Buonarroti und wurde von Giorgio Vasari lobend in seinen Viten erwähnt. Noch als charmante Neunzigjährige inspirierte sie, obgleich erblindet, durch ihre künstlerische Fachkenntnis den jungen flämischen Maler Anthonis van Dyck (1599–1641), der sie 1624 in Palermo besuchte.

>> ZURÜCK ZU PFINGSTART_AKTUELL

>> ZUM KÜNSLER_INNEN INDEX

Kategorien
Allgemein

#48

Plautilla Nelli, Das letzte Abendmahl,Firenze, Santa Maria Novella, Walter kratner

PLAUTILLA NELLI (1523 – 1588) // „DAS LETZTE ABENDMAHL“ (1560)

Sieben mal zwei Meter misst das Ölgemälde („Das letzte Abendmal“), das im Museumskomplex Santa Maria Novella in Florenz ausgestellt ist.

Vier Jahre dauerte es, bis die aufwendigen Arbeiten an Nellis Abendmahl 2019 abgeschlossen waren und das Gemälde in Santa Maria Novella ausgestellt werden konnte. Das Kunstwerk von 1560 sei womöglich „eines der bedeutsamsten Bilder in der Kunstgeschichte“, „die erste und vielleicht die einzige“ Darstellung des Letzten Abendmahls von einer Frau der Renaissance, heißt es auf der Homepage des Museums.

Mit 14 Jahren trat die Tochter des Malers Luca Nelli in das Dominikanerkloster Santa Caterina di Siena ein und wurde Schülerin von Fra Paolino da Pistoia. Im Kloster hatte sie – im Gegensatz zu Frauen außerhalb der klösterlichen Mauern – die Möglichkeit, in der Kunst des Malens unterwiesen zu werden. Somit war für sie das Klosterdasein eine Chance, sich den Pflichten einer Haus-Frau zu entziehen, wenngleich sie nicht unter denselben Bedingungen arbeiten durfte wir ihre männlichen Kollegen.  Ihr Zeitgenosse Vasari bedauerte es ausdrücklich, dass ihr das Aktstudium verboten war. Nelli malte großflächige und auch kleinflächige Gemälde. Sie hatte sowohl weltliche als auch kirchliche Auftraggeber.

Das Gemälde sei von Nellis Oberin in Auftrag gegeben worden, um es im Speisesaal des Klosters aufzuhängen. Es sei wohl auch vom gleichnamigen Gemälde Leonardo da Vincis beeinflusst worden. Auf dem Bild wird der Moment dargestellt, in dem Jesus der Überlieferung nach zu seinen zwölf Aposteln sagt: „Einer unter Euch wird mich verraten.“

Wer das ist, teilt Jesus seinen Jüngern in Nellis Interpretation mit, indem er Judas ein Stück Brot reicht. Die Reaktionen darauf schlagen sich vor allem in der Gestik der Apostel nieder: Sie „sprechen mit ihren Händen und tanzen mit ihren nackten Füßen“, sagt die Restauratorin des Bildes, Rosella Lari. Die Hände seien so detailreich dargestellt, dass „sogar die Sehnen, die Adern und fast die abgestorbene Haut um die Nägel“ sichtbar seien.

>> ZURÜCK ZU PFINGSTART_AKTUELL

>> ZUM KÜNSLER_INNEN INDEX