Aktstudie für Freskos in der Medici Villa in Poggio a Caino, Florenz, um 1520
Rötel, 34,2 x36,5 cm (Gallerie degli Uffizi).
Auf dem Mäuerchen liegende Figur mit aufgestütztem Arm und einen Stab in der rechten Hand. Es ist die erste – männliche – Version einer Gestalt, die am Ende Frauenkleider bekommen wird, ganz im Sinne von Pontormos unablässigem, androgynen Traum.
Die schreckhaft aufgerissen Augen des Knaben scheinen unvereinbar mit der bequemen Haltung. Die unmerkliche Tendenz zur Deformation, die Längungen, Muskelspiele und die seltsamen Schraffuren, die auf die Mauer übergreifen verweisen auf die Abkehr Pontormos von seinen Renaissance-Meistern Andrea del Sarto oder Leonardo.
Rauminstallation im Kreuzgang für Kulturzentrum bei den Minoriten
Kurator: Josef Fink (1941-1999)
„Die vorgedachte, konzeptionsbezogene Schlichtheit dieser Werkarbeit ist eine sprachlose Beschreibung der Grundkräfte des Wirklichen: Aggressionen, Verletzungen, Zerstörungen. Rohe Gerätschaften (Stangen, Steine, Säcke), die eher zur atavistischen Natur des Menschen gehören als zur Kunst, zeugen – in einer Rückerinnerung – vom Voranschreiten beängstigender Zustände.“ (Pressetext, Kulturzentrum b.d. Minoriten, 1996)
„(…) The choice of material derives from the iconography of poverty which characterizes the Franciscan order: wood pressed between two columns, a poor material with nails. The wood also acts as a division between the inside and outside – a wooden barrier referring to the psychological state of those inside. The architectural function of the cloister columns, meant to alternate dark and light as a form of meditation, is heightened with the resulting dimunition of light.“
Walter Titz, Kleine Zeitung, Graz (engl. Version: Galerie „refusalon, San Francisco)
Detailstudie zur Überführung Christi, Capponi Kapelle in Santa Felicita, Florenz um 1526
Schwarzer Stift auf Bleiweiß, 39 x 21,5 cm
Jacobo Carrucci, genannt Pontormo, wird 1494 in in Pontorme bei Empoli geboren. Er war wohl die stärkste und genialste Persönlichkeit des Florentiner Manierismus. Sein Werk bildet die Nahtstelle zwischen Hochrenaissance und Frühbarock, den beiden großen Stilrichtungen des 16. Jahrhunderts. Es spiegelt nicht nur das neue Selbstverständnis des Künstlers seit Michelangelo wider, sondern auch die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten in einer von Glaubenskrisen, Pest und Existenzängsten geschüttelten Zeit.
Auf einer rollenden Plattform stellt sich ein bizarrer Installationskosmos dar: Drei verwelkte Rosen werden in einer Vase von vier Ventilatoren angeblasen und torkeln mit Unterbrechungen im Kreis. Das Wesen der Schnittpflanze scheint auf dem grünen Balkonteppich vornehmlich von einem tristen „Slapstick des Scheiterns“, – von einem skurrilen „Todestanz“ geprägt zu sein, als von einem lyrischen Ansinnen zu sprechen. Der Künstler zielt mit seiner Auseinandersetzung auf all jene Banalitäten und Alltäglichkeiten, die das Leben eher widerspiegeln, als auf „ästhetische“ Preziosen.
Die Installation „Three Roses“ ist ein künstlerischer Rückgriff auf die Zimmergärtnerei, wie sie durch die Einführung der Blumentöpfe im 17. Jh. möglich geworden war. Über die visuelle Umsetzung hinausgehend, ruft die Installation natürlich weitere kunsthistorische Aspekte in Erinnerung: In den hochmittelalterlichen Gärten versinnbildlichen Pflanzen das Paradies. In den Renaissance- und Barockgärten kam ihnen politische Bedeutung zu. Eine Zuschreibung, die bis zur Französischen Revolution zu beobachten ist. Im Englischen Garten wurden sie seit dem 18. Jahrhundert dazu eingesetzt, den Eindruck „freier“ Natur zu erzeugen.
Auch wenn Umberto Eco in der Nachschrift zu seinem berühmten Roman „Der Name der Rose“ anmerkt, die Rose bedeute so viel, dass sie fast gar nichts mehr bedeutet, gelten Pflanzen, besonders Rosen, als natürliche Gegenwelt zur städtischen Landschaft aus Stein, Beton, Glas, Asphalt.
Die Inszenierung „Three Roses“ spielt mit dieser tradierten Gegenwelt. Längst sind nämlich Naturerlebnisse als Gleichnisse, Metaphern oder Allegorien in der Postmoderne zum kleinbürgerlichen Zeitgeist, zu Dekorationsstoffen oder Accessoires verkommen.
„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“
(Aus: Dante, Die Göttliche Komödie, Inferno III, das Höllentor)
Im Seitenaltar der Herz-Jesu-Kirche in Graz beschreibt das Objekt „Dante.Comedia.Inferno“ das Ende jeder Hoffnung. Die Skulptur adaptiert den Beginn der Wanderung Dantes durch die Hölle: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“
Die Installation bezieht sich auf Primo Levi und auf Dante Alighieris Beschreibung der Hölle in dessen „Divina Commedia“. Die Schilderung der Wanderungen Dantes mit Virgil durch das „Inferno“ wurde oftmals von Autoren der Holocaust-Literatur aufgegriffen. Ebenfalls brachten überlebende Insassen der Konzentrationslager ihre schreckliche Erfahrung mit der von Dante beschriebenen Hölle in Beziehung. Unter einem Greifvogel im Sakralraum, unterstreicht ein Atlas der Nationalstaaten aus dem Jahre 1939 diesen literarischen und politischen Bezug.
In Goyas Bildtradition der „caprichos“ stehend, hockt eine Eule auf einem grauen Holzgerüst. Sie gilt weitläufig als Symbol für Weisheit. Aber Eulen können in der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts auch als Boten der Dummheit, Ignoranz und Finsternis aufgefasst werden.
Unter dem naturgroßen Greifvogel bettet sich ein „großdeutscher“ Atlas aus dem Jahre 1939 auf schwarzem Filz. Glasscherben markieren eine aufgeschlagene Landkarte .
ÖSTERREICHISCHES KULTURFORUM TEHERAN, ÖSTERREICHISCHE BOTSCHAFT TEHERAN in cooperation with SAFAVI.GALLERY, AKNOON ART GALLERY ISFAHAN
Solo-Exhibition // WALTER KRATNER
In einem digitalen Gestaltungsprozess haben der Grazer Künstler und vor Ort die iranische Kuratorin Elnaz Rajabyan eine konkrete Ausstellung, in realen Ausstellungsräumen, eingerichtet. Die Werkgruppen wurden behutsam der iranischen Realität angepasst und die Installationsgegenstände dem regionalen Umfeld entnommen. Die Galerieräume sind ab 20. Juni besuchbar.
SHORT VERSION: The Austrian artist and the Iranian curator Elnaz Rajabyan conceive a set up for a real exhibition in real exhibition rooms with digital support. Exhibition Opening 27th June.
WALTER KRATNER / MASOUD RAZAVY POUR // Kurz-Film „Lampedusa“
The Art-Video „Lampedusa“ (2016) will be screened in full length (20 min, german, subtitles english) in the AKNOON ART GALLERY ISFAHAN for the opening on June 27th.
Der iranische Videokünstler Masoud Razavy Pour dokumentierte 2015 die Objektinstallation „Lampedusa“ von Walter Kratner im Sakralraum der Wallfahrtskirche am Weizberg. Der Videofilm geht freilich über die Dimension eines reinen Dokumentarfilms hinaus. Masoud Razavy Pour verwendet in verschiedenen Sequenzen Filmmaterial, das neu gedreht wurde, um die entsetzliche Situation der Flüchtlinge in künstlerischer Form beschreiben zu können. Eigens für „Lampedusa“ geschriebene Texte von Kuratoren, Künstlern und Kunsthistorikern aus Italien, der Usa, Deutschland, aus dem Iran und Österreich collagierte Razavy Pour zu einem eindringlichen, visuellen Opus. Texte: Susanne Ramm-Weber (Offenburg), Javid Ramezani (Teheran), Stefania Severi (Rom), Walter Kratner (Graz), Masoud Razavy Pour (Graz), Shmulik Krampf (San Francisco), Barbara Jenner (Berlin), Fery Berger (Weiz), Gregory Edwards (San Francisco).
JAVID RAMEZANI // Ein kurzer Film aus der Pandemie des Alltags / A short film from the everyday pandemic
DEUTSCH “Orbuculum – Das schwarze Ding aus Hartplastik.” Einst war es die magische Sphäre der Druiden. Heute ist das „Orbuculum“ eine Sphäre aus schwarzem Plastik, die Autotüren automatisch zu öffnen scheint. Für die christliche Kirche im Mittelalter noch ein rätselhaftes Symbol der Häretiker, ist es für den Teheraner Künstler Javid Ramezani ein gestylter Zauber-Schlüssel zur Flucht aus der Pandemie des Alltags.
ENGLISH “Orbuculum – That thing of compressed and compact and black.” It was once the magical sphere of the druids. Today the „orbuculum“ is a sphere made of black plastic that appears to open car doors automaticly. For the Christian church in the Middle Ages still a puzzling symbol of the heretics, for the Tehran artist Javid Ramezani it is a stylish magic key to escape from the pandemic of everyday life.
WALTER KRATNER // „Woyzeck. Der Richterspruch“ / „Woyzeck. The verdict“
DEUTSCH „Mögen alle mit dem festen Entschlusse von dieser schauerlichen Handlung zurückkehren: Besser zu seyn, damit es besser werde.“ (Flugblätter an die Bevölkerung, Leipzig, August 1824)
Johann Christian Woyzeck war ein deutscher Soldat, der wegen Mordes an der Chirurgenwitwe Johanna Christiane Woost im Februar 1822 öffentlich hingerichtet wurde. Seine Geschichte diente Georg Büchner als Vorlage für sein Dramenfragment „Woyzeck“. Es erschien nach dem Tod des Dramatikers in einer überarbeiteten Fassung 1879. Diese Epoche spiegelt das politische und sozialkritische Aufbegehren, ohne idealistische Verklärung, gegen die staatliche Obrigkeit wider.
ENGLISH „May all return from this gruesome act with a firm resolve: to be better, so that it may be better.“ (Handouts to the population, Leipzig, August 1824)
Johann Christian Woyzeck was a German soldier who was publicly executed for the murder of the surgeon`s widow Johanna Christiane Woost in February 1822. Georg Büchner used the story as a template for his drama-fragment „Woyzeck“. It was published in a revised version after the playwrighters death in 1879. This epoch reflects the political and socially critical rebellion against the state authorities without idealistic glorification.
Die namenlosen Werke sprechen für sich. Metall, Epoxidharz, Holz, Lack, unbehauene Steine, Kokosnüsse und Fundgegenstände werden vom assoziativ arbeitenden Bildhauer Christoph Urban zu bildlichen Gedankenketten zusammengefügt. Das Unbewusste des Betrachters soll dabei direkt angesprochen warden.
ENGLISH The fascination of the unconscious.
The nameless works speak for themselves. Metal, epoxy resin, wood, enamel,, rough stones, coconuts and found objects are put together by the associative sculptor Christoph Urban to form pictorial chains of thought. The observer’s unconscious is addressed directly.
DEUTSCH Die Welt ist ein Vogelparadies. Eine kurze literarische Betrachtung.
2011/2012 war sie Stadtschreiberin in Graz. 2009 machte sie mit dem Thomas Bernhard-Remix-Roman Ausgehen (Izlazenje, 2006) als Popliteratin einer neuen Generation Furore. Es folgen Kurzgeschichten, Theaterstücke, Hörspiele sowie zahlreiche Preise und Stipendien. „Superheldinnen“ ist der erste Roman, den Barbi Marković teilweise auf Deutsch und teilweise auf Serbisch geschrieben hat. Er wurde als Theaterstück im Volkstheater Wien aufgeführt. Zuletzt das Theaterstück „Staub“ im Theater am Bahnhof in Graz.
ENGLISH The world is a bird paradise. A brief literary consideration.
In 2011/2012 she was writer-in-residence in Graz. In 2009 she caused a sensation with the Thomas Bernhard remix novel “Going Out” (Izlazenje, 2006). This is followed by short stories, plays, radio plays and numerous prizes and grants. “Superheldinnen” is the first novel that Barbi Marković wrote partly in German and partly in Serbian. It was performed as a play in the Volkstheater Vienna. Most recently the mise en scène of the play “Dust” in the Theater am Bahnhof in Graz.